Stiller Kraftprotz

Stiller Kraftprotz

K.J. Choi ist das koreanische Pendant zu Bernhard Langer: bescheiden, erfolgreich und Vorbild für ganze Generationen junger Tour-Pros.

Fragt man K.J. Choi nach den Gründen, warum er Golfprofi wurde, erhält man die überraschende Antwort, er habe zu lange Arme. Dies klingt zunächst einmal seltsam angesichts einer Körpergröße von 1,70 Metern und einer Statur, die man treffend als untersetzt beschreiben könnte, aber seine Geschichte geht so: Kjung-ju Choi, Sohn eines Reisbauern von der kleinen Insel Wando, begann in der Schule mit dem Gewichtheben. Er war 13 Jahre alt, fand Spaß am Gewichtestemmen und nahm an Wettkämpfen teil. Bis zu 155 Kilo schaffte er im Stoßen, erzählte er einmal einem Reporter, aber fürs Gewinnen habe es nicht gereicht. Jüngere legten mehr Gewichtsscheiben auf und so teilte ihm sein Lehrer eines Tages mit, er sei nicht gut genug und solle sich einen anderen Sport suchen. „Für das Gewichtheben brauchst du die richtige Statur. Bei mir stimmen die Proportionen nicht, ich habe  kurze Beine und in Relation dazu zu lange Arme. Das kann man auch mit hartem Training nicht ausgleichen“, berichtet Choi.

Eisen 7 statt Gewichte

Sein Lehrer riet ihm und anderen Schülern, mit Golf zu beginnen, was sie unisono ablehnten, da keiner den Sport kannte und folgedessen nichts damit anfangen konnte. Doch der Lehrer ließ nicht locker, wählte irgendwann sechs Schüler aus und fuhr mit ihnen auf eine Drivingrange. Sie bekamen ein Häufchen Bälle zugeteilt und ein 7er-Eisen in die Hand. Wer den Ball über das Netz schlagen könne, müsse seine Bälle nicht aufsammeln, lockte sie der Lehrer. „Das Netz war vielleicht 60 Meter entfernt, ich war der Einzige von uns sechs, der es schaffte. Das Gefühl, den Ball sauber zu treffen, war einmalig. Da begann ich mich für Golf zu begeistern“, sagt Choi. Er setzte sich in den Kopf, Golfer zu werden, was leichter gesagt war als getan, da er weder über die nötigen Mittel noch die Infrastruktur verfügte. Es gab weder gute Golflehrer noch Golfbücher – Choi musste zunächst als Autodidakt klar kommen. Eines Tages bekam er aus der Hauptstadt von einem Freund ein Buch geschickt, „My Way“ von Jack Nicklaus. Choi schaute sich Griff und Schwungprinzipien ab und lernte Grundbegriffe der englischen Golfterminologie.

Lernen von Nicklaus

„Ich machte mich schlau über Nicklaus und fand heraus, dass er ein exzellenter Spieler mit großen Leistungen war. Da er ein Buch geschrieben hatte, machte ich alles so nach, wie es im Buch stand. So trainierte ich“, erinnert sich der Koreaner. Dass er Jahre später das von Jack Nicklaus ins Leben gerufene Memorial Tournament in Ohio gewinnen konnte und von seinem „Lehrmeister“ selbst geehrt wurde, ist eine ganz besondere Fußnote in Chois Karriere. Nach Abschluss der Schule ging er gegen den Willen seiner entsetzten Eltern, die ihm rieten, Golf aufzugeben, nach Seoul, um seinen Traum zu leben.

Bälle sammeln

Um sich Geld zu beschaffen, arbeitete er auf einer Drivingrange, sammelte Bälle ein und leistete andere Hilfsdienste. Spät abends, wenn sich die Range leerte und er nichts mehr zu tun hatte, konnte Choi selbst Bälle schlagen und ausprobieren, was er sich zuvor von besseren Spielern abgeschaut hatte. Videos und Bücher von Nicklaus bildeten die Grundlage, Unterricht bei einem Professional konnte sich Choi nicht leisten. Und seine Zukunftsaussichten waren trübe. „Golf war zu dem Zeitpunkt einfach kein guter Beruf für einen Mann. Ich hatte kein garantiertes Einkommen, wusste ehrlicherweise nicht,  wie ich meinen Lebensunterhalt mit Golf bestreiten sollte. Heutzutage drücken in Korea die Eltern bereits den Babys einen Golfschläger in die Hand“, so Choi. Wie schlecht es um die Reputation von Golf als Beruf zu der Zeit gestellt war, erfuhr er, als er bei seinen zukünftigen Schwiegereltern um die Hand ihrer Tochter anhielt. Er wurde abgewiesen. Mit Golf, so die Begründung, könne man keine Familie ernähren.

Hochzeit nach Sieg

Doch Choi ließ nicht locker und  handelte einen Deal aus: Er könne wieder kommen und die Tochter holen, wenn er ein Turnier gewonnen habe. Es dauerte nur ein Jahr, bis Choi wieder bei den Schwiegereltern anklopfte. In der Zwischenzeit hatte er seine Lizenz als Golflehrer erworben, sich auf die Korean Tour gespielt und sein erstes Turnier gewonnen. Choi durfte die Tochter aus dem Elternhaus entführen und setzte entschlossen seinen steilen Aufstieg fort, nur zwischenzeitlich kurz aufgehalten durch den zweijährigen Militärdienst, den jeder männliche Koreaner irgendwann zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr abzuleisten hat. Er war auf einer Radarbasis als Schütze eingeteilt. Zwei Tage hatte er Schicht, dann zwei Tage frei, die er zum Bälleschlagen nutzte. 1999 kam sein Durchbruch, als er sich bei der Qualifying-School durchsetzte und als erster koreanischer Golfpro den Sprung auf die PGA Tour schaffte.

2002 holte er in New Orleans den ersten PGA-Tour-Sieg, das Interview nach dem Titelgewinn musste er mit Hilfe eines Dolmetschers führen, da sein Englisch nicht ausreichte. Sieben weitere sollten folgen, mit der Players Championship 2011 als bislang größten sportlichen Erfolg. Als er einmal gefragt wurde, ob er überrascht sei, dass er nie ein Major gewonnen habe, antwortete Choi: „Nein, nicht wirklich. Ich war dafür nicht bereit, irgendetwas hat mir gefehlt. Ich hatte nicht das Vertrauen in mich.“   Auch deswegen  versucht er als Mentor, jüngeren Spielern den Sprung auf die PGA Tour zu erleichtern. So wie Si Woo Kim, dem jüngsten Sieger der Players Championship, der von Choi vor dem Turnier persönlich über die speziellen Tücken des Stadium Course aufgeklärt wurde. „K.J. ist mein großes Vorbild. Ich habe ihn im Fernsehen spielen sehen und mir vorgenommen, eines Tages die Players Championship zu gewinnen.“

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