St. Moritz – Die Wiege des Alpengolfs

St. Moritz – Die Wiege des Alpengolfs

Die Anfänge von Winter- und Sommersport im Hochgebirge waren „very British“.

An keiner anderen Stelle kommen sich die Sommer- und die Wintersaison in St. Moritz, dem mondänsten touristischen Hotspot der Schweiz, so in die Quere wie am 7. Loch des Kulm-Golfplatzes. An dieser besonders malerischen Stelle mitten im Arvenwald des sportlichsten hochalpinen Parkgeländes, hoch über dem St. Moritzer See, rückt der Winter dem Sommer regelrecht auf die Pelle.

Während du von der hochgelegenen T-Box das 120 Weiten- und 30 Höhenmeter entfernte, von uralten Zirbelkiefern schön eingerahmte Grün anvisierst und noch bei der Wahl des richtigen Eisens schwankst, bemerkst du diesen merkwürdigen schmalen Erdwall, der das kurze Fairway auf ganzer Breite schneidet, ohne ernsthaft ins Spiel einzugreifen. Kurz danach wird klar, worum es sich wirklich handelt: um die vor vielen Jahren in den Steilhang modellierte Grundlage für die „Sunny Corner“, die erste langgezogene Linkskurve der weltberühmten Natureis-Bobbahn von St. Moritz hinunter nach Celerina.

Sunny Corner: im Sommer Golfplatz, im Winter Bobbahn.

 

Zweifacher Urknall

Ein paar Schritte weiter, am Abschlag der 8, steht als schlichter Denkmalersatz eine rustikale Bank, der die Ehrung dessen, der hier vor fünf Generationen eine neue Sportart erfand, in dicken Lettern in die Rückenlehne geschnitzt wurde: „Christian Mathis, St. Moritz – 1861–1925 – Erbauer des ersten Bobsleigh“. 

Dass da ganz selbstverständlich die englische Bezeichnung für den Bobschlitten im Holz verewigt wurde, mag man als blasierte Engadiner Marotte einstufen; die freilich ist historisch wohl begründet: In erster Linie waren es Engländer, die im späten 19. Jahrhundert Pate standen, als der ganze Tourismuszirkus im Schweizer Hochgebirge begann. Und der zweifache Urknall des Ganzen – für den Wintersport und fürs Golfen in den Alpen – geschah genau hier, in St. Moritz, auf dem Gelände des Kulm Hotel.

Sie kamen oft, aber immer nur in den Sommermonaten, die Stammgäste von den Britischen Inseln, die vor einer halben Ewigkeit bei Johann Badrutt und seiner Frau Maria logierten. Das Ehepaar hatte anno 1855 die hoch über dem Ortszentrum und dem See von St. Moritz gelegene Pension Faller mit zwölf Gästezimmern gemietet und zwei Jahre später gekauft – samt einem angrenzenden riesigen Gelände mit Wald und Wiesen und einer Topografie, die auch Bergziegen eine Menge Spaß macht. 

„Home of Swiss Golf“ – Seit rund 130 Jahren wird im Oberengadin Golf gespielt.

 

Pension wächst zum Grandhotel

Aber Badrutt war nicht der Typ, der sich mit den gegebenen Verhältnissen und einer bescheidenen Pension abgefunden hätte. Schon nach wenigen Jahren hatte er das Haus deutlich vergrößert und in ein veritables Grandhotel verwandelt, eines der ersten in St. Moritz, über dem es seither nahezu ­palastähnlich thront – das Kulm. 

Ob sich’s wirklich genau so abgespielt hat, wie’s bis heute überliefert wurde, wissen wohl nur die winterlichen Berg­geister, vor denen es zu Ururgroßvaters Zeiten so ziemlich jedem grauste, der nicht selbst im schwer zugänglichen Hochgebirge zu Hause war. Aber wenn die Legende von Badrutts berühmter Wette stimmt, hat der Hotelpionier dem ganzen Alpenbogen nicht weniger als eine neue Zeitrechnung beschert. 

Es begann mit einer Wette

Es ist ein kühler Herbstabend 1864. Hotelchef Johann Badrutt sitzt mit einer Handvoll englischer Gäste, die sich am nächs­ten Tag auf den weiten Heimweg machen wollen, bei ein paar harten Drinks im Kaminzimmer. Und redegewandt, wie er nun mal ist, pflanzt er den Briten eine Idee ins Hirn, die bis dahin europaweit ein absolutes No-Go gewesen ist: Winterurlaub hoch in den Schweizer Bergen. Badrutt schwärmt den anfangs skeptischen Gästen vor von den meist sonnigen Tagen in tief verschneiter Landschaft, von Winterromantik pur, einem „true paradise“ auf Eis und in Weiß. 

Mit seiner Wette begann der ganze Zirkus: Hotelpionier Johann Badrutt.

 

Und der Schlaufuchs geht mit den Gästen eine Wette ein, die nur scheinbar riskant ist: Sie alle sollen für ein paar Wochen kommen, Kind und Kegel und Freunde mitbringen und sein großes Winter-Versprechen testen. Und wenn’s ihnen nicht gefallen sollte, erstattet er ihnen die kompletten Reisekosten. 

Die neugierig gewordenen Briten reisen in großer Gruppe kurz vor Weihnachten wieder an – und bleiben bis Ostern. Als Vollzahler, versteht sich. Es war der Urknall Nr. 1 – der Start des Wintertourismus in den Alpen. „St. Moritz – the original in winter tourism since­ 1864“ wirbt der Ort, der sich ganz ohne britisches Understatement auch als „Top of the world“ bezeichnet, bis heute. 

St. Moritz sieht sich als Wiege des Wintertourismus und des Golfsports in den Alpen.

 

Allerdings – die Wintersportarten mussten seinerzeit großteils erst noch erfunden werden. Dafür wurden Badrutts Hotel und der Kulm Park zum idealen Versuchslabor. Dort wurde 1894 die erste Natureis-Rodel- bzw. Skeletonbahn der Welt gebaut – thank God! Denn die erlebnishungrigen Winterurlauber waren zuvor vom Kulm mit Karacho die engen Dorfgassen hinuntergerodelt und hatten dabei sich selbst und die Dörfler ein ums andere Mal in akute Lebensgefahr gebracht. Weil der halsbrecherisch steile Natureiskanal über rund 1,2 Kilometer hinunter führte ins Dörfchen Cresta – heute ein Ortsteil von Celerina –, war der bis heute für Adrenalin­junkies unverzichtbare, legendäre „Cresta-Run“ geboren. 

Die auf den Geschmack gekommenen Wintertouristen berauschten sich in den Folgejahren an immer neuen Sportarten: Eislaufen, Kutschenfahrten und Pferderennen auf dem zugefrorenen St. Moritzer See, Skilaufen an den Hängen von Corvatsch und Diavolezza, Bobrennen in der 1904 erstmals gebauten, ältesten Natureis-Bobbahn der Welt, dem Olympia Bob Run; die Spezialisten aus Südtirol, die das 1722 Meter lange sportliche Kunstwerk alljährlich vor Weihnachten in den verschneiten Kulm Park zaubern, brauchen dafür drei Wochen, 15.000 Kubikmeter Schnee und 7.000 Kubikmeter Wasser. 

Sommerliches Grün neben dem Starthaus des Olympia Bob Run, wo auch der berühmte „Dracula-Club“ zu Hause ist.

 

Golf als Retter der Sommerfrische

Während also dank Johann Badrutt und seinen kaum minder experimentierfreudigen und geschäftstüchtigen Nachfolgern die Wintersaison und der Wintersport in St. Moritz immer mehr aufblühten, drohte die gute alte Sommerfrische im Engadin mit den wichtigsten Betätigungen Wandern und Faul-in-der-Sonne-Liegen arg ins Hintertreffen zu geraten. Die Rettung kam wieder mal aus England, und ihr Name war: Golf. 

Ideenklau in England

Conradin Flugi, ein anderer St. Moritzer Hotelpionier, war durch Erzählungen seiner britischen Gäste auf diesen „neumodischen“ Sport neugierig geworden, der in England und Schottland immer mehr Menschen begeisterte und auf den sie auf Dauer auch im Sommerurlaub auf dem Kontinent nicht mehr würden verzichten wollen. Im Sommer 1889 reiste Flugi kurzentschlossen eigens auf die Insel, um sich im Mutterland des grünen Sports Ideen für den Bau eines Golfplatzes im Engadin zu holen. 

Schon im darauffolgenden Sommer, so ist es im „Engadine Year Book“ von 1890 festgehalten, hielten Conradin Flugi und seine Kollegen die britischen Sommergäste mit einem vermutlich noch nicht ganz meisterschaftstauglichen 9-Loch-Platz am Seeufer unterhalb des Kulm, zwischen dem heutigen Bahnhof und St. Moritz-Bad, bei Laune. Es war der zweite Urknall von St. Moritz und eine der ersten, wenn nicht sogar die allererste Pioniertat, den Golfsport „on the continent“ zu etablieren.  

Das wirkliche „St Andrews der Schweiz“ entstand freilich nicht in St. Moritz selbst, sondern im Jahr 1893 in der „Cham­pagna“, den Wiesen und Feldern beim ebenfalls schon touristisch angefixten Nachbarort Samedan. Ein brettebenes Gelände mit vielen kleinen Bächen und Teichen und teilweise über 700 Jahre alten Lärchen, deren Spitzen zerzaust sind von Blitzeinschlägen und Stürmen. Oder vielleicht auch nur vom Majolawind, der immer ab 12 Uhr mittags – man kann fast seine Schweizer Uhr danach stellen – über den Majolapass aus Italien herüberweht und oft genug den Longhittern auf dem Samedan-Kurs den Score vermiest. Am 1. und 2. August 1893 – vor nunmehr 128 Jahren – fand im Engadine Golf Club das erste Turnier statt, ein „Mixed Foursome“ für „Members Only“, wie die „Alpine Post“ damals berichtete. 

Vom Majolawind zerzauste Lärchen auf dem Engadin-Golfplatz in Samedan.

 

Einheimische Unerwünscht

Das Engadin darf sich seitdem ebenso stolz wie berechtigt als „Home of Swiss Golf since 1893“ bezeichnen. Aller­dings: Als Club-Mitglieder zugelassen und somit spielberechtigt waren jahrzehntelang nur – vornehmlich britische – Feriengäs­te sowie deren Gastgeber und Freunde. Die sons­tigen Einheimischen durften bis 1949 den schönen Golfplatz nur als Greenkeeper betreten oder sich als Caddies ein gutes „Sackgeld“ verdienen und dabei Anschauungsunterricht bei den „Tommys“ nehmen. 

Grandiose Bergwelt

Bei prominenten Gästen wie diversen Lords of Windsor, dem Aga Khan oder auch Ur-James-Bond Sean Connery, die alle schon die gepflegten Fairways von Samedan genossen haben. Oder dem großgewachsenen Gründungsmitglied und Gentle­man-Golfer John Plant, der immer mit blitzblank polierten schwarzen Schuhen auf die Runde ging und der noch mit 70 Handicap 5 hatte. Er kam jedes Jahr für drei Monate nach St. Moritz, logierte im vornehmen Badrutt’s Palace Hotel und wurde zum ersten Werbeträger für Golf im Engadin. „Wenn Sie hier einen Schlag verfehlen“, sagte er einmal, „dann genießen Sie einfach diese unglaubliche Aussicht. Und was macht das dann schon?“ 

Nur drei Jahre nach Eröffnung des ersten 18-Loch-Platzes der Schweiz und der gesamten Alpenkette in Samedan hatte auch St. Moritz standesgemäß wieder einen neuen Superlativ zu bieten: Im Kulm Park wurde 1896 der hoteleigene 9-Loch- Executive-Golfkurs eröffnet, auf gut 1.800 Höhenmetern einer der höchstgelegenen Golfplätze Europas: Ein kurzes, aber anstrengendes, weil steiles Auf und Ab, bei dem sich ein möglichst leichtes Tragebag empfiehlt, in dem jeder Schläger jenseits des 7er-Eisens lästiger und unnötiger Ballast wäre. 

Der Platz, der 2001 vom St. Moritzer Urgestein und Golfarchitekten Mario Verdieri neu konzipiert und veredelt wurde, führt vorbei am Starthaus der Bobbahn, das zugleich den legendären, 1973 von Starfotograf und Berufsplayboy Gunter Sachs gegründeten „Dracula-Club“ beherbergt, und über die „Sunny Corner“, bietet zauberhafte Ausblicke auf das Kulm, auf den Ort St. Moritz und den See und auf 360 Grad gran­dioser Schweizer Bergwelt. Und man beginnt, John Plant zu verstehen. 

Der britische Edelfan starb ein knappes Jahrhundert zu früh, um den jüngsten und golferisch anspruchsvollsten der Engadiner Golfplätze noch zu erleben. Die 2003 eröffnete Golfanlage Zuoz-Madulain ist, von der Länge mal abgesehen, eine Kombination aus dem topf­ebenen Kurs in Samedan und dem Bergziegen-Gelände des kurzen Kulm-Platzes oberhalb von St. Moritz. Ein Platz mit vielen Herausforderungen: Da gilt es, carry eine ziemlich breite Schlucht zu überwinden, mehrere spannende Doglegs strategisch klug anzugehen, geradezu gemeine Schräglagen einzukalkulieren und ein formidables Halbinsel-Grün präzise zu treffen.

Wintergolf auf dem See

Der mit zwei 18-Loch-Plätzen und einem 9-Loch-Kurs auf dem Dach der Schweiz jetzt bes­tens etablierte Sommersport Golf hat sich bei der „Sunny Corner“ längst revanchiert und kommt seit langem seinerseits dem Winter in die Quere: Seit 1979 finden auf dem zugefrorenen St. Moritzer See Wintergolf-Turniere im Schnee statt. Die hätten sicher auch John Plant begeistert. Der verfügte seinerzeit übrigens testamentarisch, man möge nach seinem Ableben seine Asche an Loch 14 auf dem Samedan-Golfplatz verstreuen. Und einem Engländer, man ahnt es schon, wurde noch nie ein Herzenswunsch abgeschlagen im schönen Ober­engadin …


Bildnachweis: © Yehudith Yovel, © Yehudith Yovel (2), © Wolfgang Weber.

Wolfgang Weber
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