„Royal“ ist nur noch der Captain’s Chair

„Royal“ ist nur noch der Captain’s Chair

Wetten, dass der letzte verbliebene „Kronzeuge“ von Fanling seinen Standort seit Jahrzehnten um keinen Deut verändert hat? Der über 80 Jahre alte Captain’s Chair steht wie angewurzelt in seiner Ecke in der altehrwürdig-biederen Spike Bar des historischen Clubhauses, die – „like in the good old times“ – bis heute „Gentlemen only“ vorbehalten ist. No Ladies, please. Und als sei es im Allerheiligsten den Traditionalisten und Nostalgikern gelungen, die Uhr um ein Vierteljahrhundert zurückzudrehen, bewahrt das edle Sitzmöbel geradezu trotzig das filigran ins Edelholz seiner Rückenlehne geschnitzte, längst aus der Zeit gefallene Originalwappen des ältesten Golfclubs der einstigen britischen Kronkolonie: „The Royal Hong Kong Golf Club“, flankiert vom chinesischen Drachen und dem lateinischen Club-Motto „Festina Lente“ – Eile mit Weile. 

 

An die Aufforderung zur Entschleunigung gehalten haben sich die Club-Oberen von Fanling seinerzeit freilich nicht. Im Gegenteil: Schon ein Jahr bevor der Union Jack eingeholt und Hongkong am 1. Juli 1997 – vor jetzt 25 Jahren – an China zurückgegeben wurde, hatten sie in vorauseilendem Gehorsam das Wort „Royal“ aus dem Vereinsnamen gestrichen. Die Krone im Club-Signet wurde durch eine Orchideenblüte ersetzt, das von Peking genehmigte offizielle Wappenzeichen der 7,5-Millionen-Metropole an der Mündung des Perlflusses ins Chinesische Meer.  

 

Immer noch „Very British“

Vom schmerzlichen Verlust der Krone abgesehen, achten die Verantwortlichen um General Manager Ian Gardner und Golfdirektor Daniel O’Neill freilich strikt darauf, dass ihr Club, dessen ruhmreiche Geschichte 1889 im Happy Valley auf Hong Kong Island begann und seit gut 110 Jahren ganz im Norden der New Territories fortgesetzt wird, der Tradition verpflichtet bleibt. Im Kern ist die mit drei exzellenten Parkland-Plätzen gesegnete traditionelle Austragungsstätte der Hong Kong Open immer noch „very British“ – und das verbindet den Hong Kong Golf Club mit dem zweitältesten, 1919 an der Ostseite von Hong Kong Island gegründeten Shek O Golf & Country Club, dem Discovery Bay Golf Club auf Lantau Island und dem Clearwater Bay Golf & Country Club am Südende einer Halbinsel östlich der Metropole. 

Der Hong Kong Golf Club, der älteste der vier privaten Golfclubs der einstigen Kronkolonie.

 

Ganze vier. Mehr private Golfclubs gibt es nicht in der eins­tigen Kronkolonie, wo in vielen Lebensbereichen Angebot und Nachfrage so weit auseinanderklaffen wie kaum irgendwo sonst auf unserem Globus. Was den Markt für Luxusapartments angeht, gilt Hongkong als eine der teuersten Städte der Welt. In begehrter Hanglage, mit Aussicht auf die Wolkenkratzerszene rund um Victoria Harbour oder auf die goldfarbenen Strände der Repulse Bay, sind Quadratmeterpreise jenseits der 40.000 Euro keine Seltenheit. 

Prestigeträchtige Clubs

Mindestens ebenso abgehoben und nach europäischen Maßstäben unfassbar wirkt der geradezu bizarre Kampf der Reichen und Superreichen um Mitgliedschaften in den pres­tigeträchtigen Privatclubs von Hongkong. Eine unüberschaubare Anzahl an „Membership Service“-Unternehmen mit Namen wie Everfine oder ­China Dragon Membership Services (CDMS) versprechen ihren Klienten, gegen eine entsprechende Gebühr den Weg in ­einen oder mehrere jener ­exklusiven Clubs zu ebnen, ohne deren Mitgliedschaft man in dieser Weltstadt mit sehr eigenen Regeln ein gesellschaftlicher Nobody ist und bleibt. 

Denn für den, der im alten oder neuen Geldadel Hongkongs nicht schon bestens vernetzt ist und von einflussreichen Altmitgliedern empfohlen wird, öffnen sich die bestens gesicherten Tore der prachtvollen und mit allem Luxus ausgestatteten Residenzen der wichtigsten Country-, Yacht-, Cricket-, Football- und sons­tigen Privatclubs nur äußerst zögerlich. „Manche Kunden, die es auf eigene Faust versucht haben“, ließ sich Vivian Wong, Sales Managerin bei CDMS, in der Lokalpresse zitieren, „haben 20 Jahre auf eine Mitgliedschaft gewartet.“ 

„The Pebble Beach of Asia

Die finanzielle Poleposition im Rennen um die teuersten Club-Mitgliedschaften jedoch nehmen die vier privaten Golfclubs von Hongkong ein. Zwischen fünf und sechs Millionen HK-$ beispielsweise sollte schon mitbringen, wer Mitglied im Clearwater Bay Golf & Country Club werden möchte, dessen 18 spektakuläre Panorama-Spielbahnen hoch über dem Südchinesischen Meer Olympiasieger Justin Rose vor ein paar Jahren dermaßen gefielen, dass er verzückt vom „Pebble Beach of Asia“ schwärmte. 

Fast schon ein Schnäppchen ist daneben das aktuelle Angebot der auf die Golfszene spezialisierten Agentur mit dem von James Bond entliehenen Namen „Golf 007 Membership Services“: Für vergleichsweise günstige vier Millionen HK-$ – gut eine halbe Million Euro – kann man über Null Null Sieben derzeit Mitglied werden im nicht minder exklusiven Discovery Bay Golf Club an der Nordostseite der Flughafeninsel Lantau, wo sich Anfang der 80er-Jahre Robert Trent Jones Jr. mit den ersten 18 von jetzt insgesamt 27 Golfbahnen ver­ewigen durfte.  

Noch seltener auf dem Markt sind Corporate Memberships für den Hong Kong Golf Club in Fanling, nach denen viele Niederlassungen internationaler Firmen in der Metropole geradezu gieren. Die Zahl dieser Firmenmitgliedschaften ist durch die Clubleitung strikt auf 300 begrenzt. Es war eine kleine Sensation, als „Golf 007“ kürzlich nach langer Zeit wieder einmal einen solchen „Zehnkaräter“ anbieten konnte – für die bescheidene Summe von 14 Millionen HK-$, umgerechnet 1,8 Millionen Euro. Schönes Spiel auf Firmenkosten! 

Traditionelle Heimat der Hong Kong Open: Zum einst royalen Hong Kong Golf Club in Fanling gehören drei herrliche Parkland-Plätze.

 

Seltenes gut

Alle vier privaten Golfclubs Hongkongs haben zusammen kaum mehr als 10.000 individuelle Mitglieder. Mit anderen Worten: Das „Royal and Ancient Game“ ist, den politischen Zeitläuften gehorchend, in Hongkong zwar nicht mehr „königlich“, aber als nach wie vor äußerst seltenes Gut im wahrsten Wortsinn den „oberen Zehntausend“ der Megacity vorbehalten. 

Schrankenloses Golfparadies

Mit einer Ausnahme, und das ausgerechnet auf einer Insel, die zu britischen Zeiten regelrecht „die Arschkarte gezogen“ hatte. Als Her Majesty’s Truppen 1997 aus Hongkong abzogen, galt Kau Sai Chau als mausetot, vollkommen unbrauchbar und praktisch wertlos. Fast sechs Jahrzehnte lang, bis in die 80er-Jahre, hatte die Royal Navy das weit genug von den Ballungszentren Hongkongs entfernte, knapp sieben Quadratkilometer große Eiland im östlichen Teil der New Territories als Artillery Practice Ground benutzt, als Zielgebiet für Granaten, die von Kriegsschiffen draußen auf dem Meer abgeschossen wurden – Jahr für Jahr, bis auf Kau Sai Chau förmlich kein Baum und kein Strauch mehr stand. 

Dem Jockey Club gehört das Golfer­paradies auf der Insel Kau Sai Chau.

 

Heute lohnt es sich insbesondere für Golfer, die knapp einstündige Autofahrt von Kowloon durch den Lion-Rock-Tunnel und einen Teil der wunderbar grünen und ländlichen New Territories auf sich zu nehmen. Am kleinen Hafen des beliebten Ausflugsortes Sai Kung stellt man den Wagen im speziellen Golfer-Parkhaus ab und setzt mit einer der im 20-Minuten-Takt verkehrenden komfortablen Schnellfähren in gut 20 Minuten über zum Golfparadies ganz ohne soziale Schranken: dem Jockey Club Kau Sai Chau.

Mit der Schnellfähre ins Golferglück – knapp 20 Minuten dauert die Überfahrt nach Kau Sai Chau.

 

Der Name verwirrt nur Ortsunkundige. Der Hong Kong Jockey Club (HKJC) ist im Leben der Einwohner Hongkongs omnipräsent, und das seit Generationen. Als der Royal Hong Kong Golf Club 1889 aus der Taufe gehoben wurde, existierte der Jockey Club bereits fünf Jahre. Er gilt heute – mit einem gigantischen Jahresumsatz von rund 25 Milliarden Euro – als größter und reichster Sportclub der Welt. Selbst europäi­sche Fußballgiganten wie Real Madrid, Manchester City oder Londons FC Chelsea wirken daneben wie Zwerge.

Greenkeeping, Hongkong-Style auf Kau Sai Chau.

 

Wettleidenschaft

Zugleich ist er das umsatz­stärkste Unternehmen und größter Steuerzahler von Hongkong: Der HKJC zahlt rund acht Prozent des gesamten Steueraufkommens in die Staatskasse. Seine enorme Wirtschaftskraft verdankt er der beispiellosen Wett- und Spielleidenschaft der Chinesen – und dem Wohlwollen einst der britischen ­Kolonialherren und jetzt der Regional-, manche sagen auch: Marionetten-Regierung von Pekings Gnaden. 

Der Jockey Club betreibt den Ocean Park auf Hong Kong Island, einen der größten und umsatzstärksten Vergnügungsparks ganz Asiens, dazu die einzige staatlich zugelassene Lotterie in Hongkong; und er gilt mittlerweile als weltweit größter Buchmacher von Fußballwetten. Doch noch weitaus lukrativer als diese drei Dukaten-Esel sind die schnellen Beine der mehr als 1200 clubeigenen Vollblut-Rennpferde: zweimal pro Woche ist Renntag auf den beiden vom Jockey Club betriebenen Galopprennbahnen Happy Valley und Sha Tin, mit Zuschauerzahlen und Wettumsätzen, die mitteleuropäische Vorstellungskräfte schlicht übersteigen. Galopprennen und das Wetten auf Sieg und Platzierung ist in Hongkong Nationalsport. An einem einzigen Renntag werden an den Wettschaltern des HKJC schon mal über 100 Millionen Euro verzockt – mehr als der doppelte Jahresumsatz aller deutschen Pferderennbahnen zusammen. 

„Überall waren Bombenkrater

Seit 1995 betreibt der Jockey Club die einzige öffentliche Golfanlage der Metropole auf der abgelegenen Insel Kau Sai Chau. Deren General Manager Cameron Halliday war schon Anfang der 90er-Jahre dabei, als begonnen wurde, das umzusetzen, was viele in Hongkongs Golferszene seinerzeit für eine ausgemachte Schnapsidee hielten. „Ja, viele haben uns am Anfang für verrückt erklärt“, erinnert sich der in Hongkong aufgewachsene Sohn schottischer Eltern, „und es sah hier auf der Insel stellenweise wirklich wie eine Mondlandschaft aus – überall waren Bombenkrater.“ Doch das konnte die Verantwortlichen des HKJC, der sich die total zerbombte und scheinbar nutzlose Insel für eine symbolische Summe von der Regierung übertragen ließ, ebenso wenig bremsen wie Gary Player. 

Fast 14 Kilometer Cart-Path verbinden die 18 Bahnen des East Course auf Kai Sai Chau.

 

Zwei Plätze von Gray Player

Nach Plänen des Altmeisters aus Südafrika entstanden die beiden ersten Golfplätze auf Kau Sai Chau. Ein dritter, entworfen von Robin Nelson und Neil Haworth, kam vor gut zehn Jahren hinzu. Nahezu alle 54 Bahnen bieten spektakuläre Ausblicke auf naturbelassene Buchten, bewaldete Halbinseln und kleine vorgelagerte Inseln, kegelförmige grüne Punkte, die weit im Süden in der dunstigen Luft mit dem Blaugrau der South China Sea verschmelzen. Schönere Panoramen können auch die superteuren ­Privatclubs nicht bieten. Unter der Leitung von Cameron Halliday und Golfdirektor Michael Carey, einem Australier, sorgen ein Dutzend Golflehrer und über 80 Greenkeeper für stets exquisite Bedingungen.  

Die Hüter des Golferparadieses: General Manager Cameron Halliday (re.) und Golf­direktor Michael Carey.

 

Das Ganze ist auf Kau Sai Chau tatsächlich „public“ im besten Sinne, ganz ohne Mitgliedschaften und Aufnahmegebühren, für Green Fees um die 100 Euro. Weit über 160.000 Golfrunden wurden im vergangenen Jahr im Jockey Club Kau Sai Chau gespielt. Tendenz: steigend. Und Michael Carey, der längst auch sein privates Glück in Hongkong gefunden hat und mit seiner chinesischen Frau in Sai Kung lebt, ist sich sicher: „Wer einmal hier gespielt hat, will garantiert wieder kommen – wanna bet?“ 


Bildnachweis: unsplash, © Unsplash, Wolfgang Weber.

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