Profi-Tour geht neue Wege

Profi-Tour geht neue Wege

Sechs-Loch-Format und Shot Clock wie im Basketball – die European Tour hat mit „GolfSixes“ erprobt, wie sich Profigolf moderner und kurzweiliger präsentieren kann.

Das für normale Verhältnisse auf der PGA European Tour doch eher bizarre Turnierwochenende begann damit, dass der englische Ryder-Cup-Spieler Andy Sullivan im Trockeneisnebel unter dem Hämmern von Rockmusik und frenetischem Beifall der Zuschauer am ersten Tee auflief, wo er von einem riesigen, in rosa Schaumstoff verkleideten Maskottchen, dessen Silhouette eine „6“ darstellte, hartmännermäßig auf Brusthöhe angesprungen wurde, und endete knapp 36 Stunden später sportlich mit dem Sieg der Dänen Thorbjørn Olesen und Lucas Bjerregaard, die sich als Beste des 16 Teams umfassenden Feldes erwiesen und im Finale die Australier Scott Hend und Sam Brazel 3:1 besiegten. Die Dänen hatten sich mit einem zweiten Platz in den Gruppenspielen für die K.-o.-Runde qualifiziert und waren mit zwei 2:1-Siegen über Frankreich und Italien ins Finale eingezogen. Australien war ebenfalls als Gruppenzweiter aufgestiegen, danach folgten Siege über Thailand und Schottland. Olesen gelang damit innerhalb von sechs Monaten der zweite Erfolg für Dänemark,  gemeinsam mit Søren Kjeldsen hatte er Ende vergangenen Jahres bereits den World Cup of Golf gewonnen.

Sechs-Loch-Matchplay

Dazwischen waren im Centurion Club im englischen Hemel Hempstead viele kurzweilige Vierer-Partien zu erleben, wehende Nationalflaggen, donnernde Drives, jede Menge High fives nach gelochten Putts, nur gelegentlich witzige, meist eher tröge auf dem Fairway mit den Spielern geführte Interviews vermeintlicher Starmoderatoren („Andy, die Zuschauer wissen vielleicht noch nicht, dass du tropische Fische sammelst“), eine vieldiskutierte Zeitstrafe für den Amerikaner Paul Peterson, der einen Strafschlag für zu langsames Spiel erhielt und deswegen mit seinem Spielpartner knapp vorzeitig ausscheiden musste, Pyrotechnik und noch mehr Musik. Abgerundet wurde das Remmidemmi durch größtenteils angetane Spieler, begeisterte Zuschauer, eine ordentliche TV-Einschaltquote im Bezahlfernsehen und zufriedene Gesichter bei den Offiziellen.

Ruf nach Änderungen

Sind Turniere wie „GolfSixes“, so der Name des erstmals über sechs Löcher ausgetragenen 32-Mann-Nationen-Teamevents, die Zukunft des professionellen Golfsports? So weit würde Keith Pelley, Chef der European Tour und Mastermind des neuen Turniers, nicht gehen wollen. Aber dass diese Eventform den Vorhang in die Zukunft ein wenig lüftet und einen Blick darauf erhaschen lässt, wie sich professionelles Golf populär weiterentwickeln kann, da ist er sich sicher. „Es ist definitiv eine Antwort auf den von der globalen Golfwelt erhobenen Schrei, innovativ zu werden und nicht vor Veränderungen zurückzuschrecken“, erklärte Pelley einem BBC-Reporter.

Wiederauflage 2018

„Um die jüngere Generation zu begeistern, müssen wir neue Wege gehen. Ob das schon die Antwort ist, muss man sehen. Wir werden das Beste daraus mitnehmen und darauf aufbauen“, so der Kanadier weiter. Die Tour werde die Erkenntnisse des Wochenendes auswerten, die Reaktionen der Spieler und Marketingdaten analysieren, bevor man weitere Schritte beschließen könne. „Aber nächstes Jahr werden wir sicher wieder hier sein“, verkündete Pelley bei der Abschlusszeremonie. Bestärkt wurde er von Andy Sullivan, der sich während des Wochenendes aufgrund seiner Interaktion mit den Fans als Publikumsliebling hervorgetan hatte. „Es hat riesig Spaß gemacht. Das Format bietet eine perfekte Kombination von Spaß mit echtem Wettbewerb, vor allem wenn man Spieler hat, die sich auf die Unterhaltung des Publikums einlassen, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Es war eine besondere Woche“, sagte der Engländer.

Positives Fazit

Aus Tourkreisen ist zu hören, dass Pelley und sein Management intern ein erstes positives Fazit gezogen hätten. Die Resonanz auf das Turnier sei besser als erwartet ausgefallen, bei Spielern und Zuschauern, aber auch im wirtschaftlichen Branchenumfeld, wo man „GolfSixes“ mit Interesse zur Kenntnis genommen habe. Erste Gespräche mit Sponsoren über eine Ausweitung des Sechs-Loch-Events zu einer eigenen Turnierreihe seien bereits geführt worden, auch existierten Gedankenspiele, eine abgewandelte Form von „GolfSixes“ nach dem Vorbild des Ski-Weltcups in die Innenstädte von Metropolen zu bringen, um noch mehr Zuschauer anzulocken.

Investitionsrisiko

Das mit einer Million Pfund dotierte Turnier war ohne Titelsponsor gestartet und von der European mit Eigenmitteln finanziert worden. In dem Zusammenhang hatte der European-Tour-Chef im Vorfeld die Austragung des neuartigen Turniers als „Glücksspiel“ bezeichnet. Es sei ein Experiment, das gutgehen könne oder eben auch nicht. „Wir haben eine Menge Zeit in die Entwicklung investiert. Am Ende wird der Fan entscheiden, ob er das Produkt annimmt“, so Pelley. Neue Formate könnten dabei helfen, das Profil neuer Turniere zu schärfen und diese in der Sportwelt besser zu positionieren. „Die Topspieler suchen sich in der Regel pro Jahr 20–25 Turniere aus. Das heißt aber auch für die anderen Veranstaltungen, dass sie eine Schippe drauflegen müssen in Sachen Unterhaltung und Aufmerksamkeitswert. Auch deswegen testen wir neue Formate“, sagte er. Andere Sportarten hätten deren Einführung bereits erfolgreich vorexerziert und so auf veränderte Verbrauchergewohnheiten reagiert. „Die Menschen nehmen Inhalte heutzutage komplett anders wahr als jemals zuvor. Darauf muss sich auch unser Sport einstellen. Wir müssen uns auf Änderungen einstellen, um mit der Zeit zu gehen“, sagte er.

Vorbild Cricket

Pelley bezog sich dabei vor allem auf die angelsächsischen Sportarten Rugby und Cricket, die vor einigen Jahren neue, schnellere Turnierformate eingeführt hatten. Bei „Rugby Sevens“ etwa treten die Teams nur mit sieben statt regulär 15 Spielern gegeneinander an, eine Halbzeit dauert auch nur sieben statt der üblichen 40 Minuten. Eigentliche Blaupause für „GolfSixes“ aber ist „Cricket Twenty20“. Das England and Wales Cricket Board  (ECB) entwickelte 2003 diese Kurzvariante des Spiels, um eine rasantere Form des Spiels für die Zuschauer im Stadion und im Fernsehen anzubieten und sich der Spiellänge anderer populärer Mannschaftssportarten wie Fußball anzunähern. Denn normalerweise dauern die internationalen „Testmatches“, wie im Cricket die Ländervergleiche zwischen den Commonwealth-Staaten genannt werden, mit Lunch- und Teepausen bis zu fünf Tage – viel zu lang für die kurze
Aufmerksamkeitsspanne der TV-Zuschauer. Beim „Twenty20“  spielen beide Mannschaften je ein Inning über ein Maximum von 20 Over, ein Spiel dauert nur ungefähr drei Stunden. Das ursprünglich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu konventionellen Cricket-Veranstaltungen erdachte Format entwickelte sich jedoch schnell zum Publikumsrenner. Bereits bei der ersten ICC World Twenty20 2007 in Südafrika waren die Stadien ausverkauft, und der dortige Sieg des indischen Teams brachte den Durchbruch für das Format. Im Cricket-verrückten Heimatland der Sieger wurde die Indian Professional League gegründet, eine 45 Tage lange Twenty20-Turnierserie, die sich als kommerzieller Volltreffer erwies. Die TV-Rechte an der IPL für zehn Jahre waren der Vermarktungsagentur World Sport Group aus Singapur eine Milliarde Dollar wert.

40-Sekunden-Regel

Dass die Dauer eines Wettspiels den Erfolg beim Publikum entscheidend beeinflusst und eine kompaktere Präsentation attraktiver vor allem für das TV-Publikum ist, hat auch die European Tour erkannt und entsprechend reagiert. Bei „GolfSixes“ wurde daher erstmals eine „Shot Clock“ getestet, wie man sie beispielsweise aus dem Basketball kennt. Die Spieler hatten in der Gruppenphase jeweils 40 Sekunden Zeit für die Ausführung des Schlages, in den Ausscheidungsmatches wurde diese Zeitspanne auf 30 Sekunden verkürzt. Die Teams wurden begleitet von einem Golfcart mit großer Digitaluhr, und auch an den Abschlägen waren entsprechende Zeitmesser aufgestellt. Ein Verstoß wurde mit einem Strafschlag geahndet. Angewendet werden musste die Strafe nur einmal, das „Zeit-Foul“ des Amerikaners Paul Peterson im Match gegen Wales war mitverantwortlich für das Ausscheiden der Amerikaner. Peterson, ein Linkshänder, stand mit dem Rücken zur Uhr, als das Publikum laut wurde und die nahende Zeitstrafe ankündigte.

Schnelleres Spiel

Die Beschwerde des Amerikaners, er habe daher die Uhr nicht sehen können und sei zu Unrecht bestraft worden, prallte an der Konkurrenz ab. Mehr noch: Die Spieler werteten die Bestrafung von Peterson als Beleg dafür, dass langsames Spiel, die „Geißel des Sports“ aus Sicht vieler Professionals, bekämpft werden kann. „Er mag sich heute gedemütigt fühlen, aber das hat meines Erachtens vor allem damit zu tun, dass er öffentlich zur Schau gestellt wurde. Aber Nachsicht ist hier nicht angebracht, das ist viel zu lange so gehandhabt worden“, kommentierte der Engländer Chris Wood, der sein Viertelfinalmatch mit Andy Sullivan in unter 60 Minuten absolvierte, die Strafe. Sein Spielpartner pflichtete ihm bei: „Die Tour muss entschiedener gegen das Problem angehen. Hier hat man gesehen, dass jeder schneller gespielt hat, weil er wusste, dass es eine Strafe gibt, wenn die Uhr abläuft. Das zeigt ganz deutlich, dass schnelles Spiel möglich ist. Die Tour muss das aufgreifen und am Drücker bleiben“, so Sullivan. Die bisherige Praxis, Geldstrafen auszusprechen, habe sich nicht bewährt, meinte Wood. „Drei oder vier Bad Timings kosten dich vielleicht 5.000 Pfund. Das nehmen viele Spieler billigend in Kauf. Ein Schlag mehr aber hat einen ganz anderen Stellenwert.“ „Das tut richtig weh.“

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