„Olympia“ im Grenzbereich

„Olympia“ im Grenzbereich

Eine Kopie des Deutschen Stadions von 1916 existiert noch heute im polnischen Słubice.

Corona-bedingt mussten die Olympischen Spiele in Tokio um ein Jahr verschoben werden – sportlich und wirtschaftlich ein Super-GAU für die japanische Hauptstadt. Berlin traf es vor gut 100 Jahren noch wesentlich härter: Die für das Jahr 1916 geplanten Olympischen Sommerspiele in der kaiserlichen Reichshauptstadt gehörten zu den Kollateralschäden des Ersten Weltkriegs. Erst volle 20 Jahre und zwei Weltanschauungen später durfte sich ein völlig anderes, nun dunkelbraun gefärbtes Berlin tatsächlich als „Olympia­stadt“ zelebrieren. 

An die ausgefallenen Olympischen Spiele 1916 erinnert in Berlin selbst nichts mehr. Doch 80 Kilometer östlich existiert bis heute eine kleinere Kopie des für diese Spiele zur Kaiserzeit entworfenen „Deutschen Stadions“ – unmittelbar neben einer Golf­anlage, die sportliche Heimat sowohl für deutsche als auch für polnische Golfer ist. Ein Ausflug ans östliche Oder-Ufer – und in längst vergessene deutsche Sporthistorie.  

Andreas von Bandemer musste in diesem Frühjahr verdammt viel Geduld aufbringen. Erst am 19. Mai war es dem ambitionierten Freizeitgolfer vergönnt, zusammen mit einem Sportfreund die allererste Runde des „neuen“ Jahres auf seinem Heimatplatz zu spielen – als Allerletzter unter mehr als 600 „Amtskollegen“ in Deutschland. 

Andreas von Bandemer ist seit mehr als einem Jahrzehnt Präsident des Golfclubs von Frankfurt an der Oder. Was dieses Ehrenamt außergewöhnlich herausfordernd macht, ist ein Superlativ der besonderen Art: Die sportliche „Heimat“ der Frankfurter Golfer ist der östlichst gelegene Golfplatz aller dem Landes­golfverband Berlin-Brandenburg und dem Deutschen Golf Verband (DGV) angeschlossenen Clubs; aber der liegt nicht am linken, westlichen Ufer des hier knapp 200 Meter breiten Grenzstroms und damit auf deutschem Boden, sondern auf der rechten Flussseite, am südlichen Stadtrand der polnischen Kleinstadt Słubice. 

Das ist zwar im sportlichen Alltag eigentlich kein Störfaktor mehr. Schlagbäume auf der Oderbrücke zwischen den beiden Städten, die bis 1945 eine waren, und langwierige Passkontrollen waren hier jahrelang nur noch eine immer mehr verblassende ferne Erinnerung. Bis Corona kam und der Strom für einige Monate – bis Mitte Mai – wieder zur hermetisch abgeriegelten Grenzlinie wurde, mit fatalen Folgen für den Golfclub: Während die strikten,  pandemiebedingten Reiserestriktionen nahezu überall in Deutschland und Österreich die Mitgliederzahlen der Golfclubs deutlich ansteigen ließen, zeigte die erzwungene, ungewöhnlich lange Abstinenz bei den Frankfurter Golfern die gegenteilige Wirkung. Im Laufe des Winters meldeten sich gut 30 Aktive ab; die Mitgliederzahl des GC Frankfurt/Oder sank auf unter 100. 

Golf-Boom im Grenzgebiet

Hinzu kommen rund 60 aktive Golfer beim polnischen Partnerclub Słubickie Pole Golfowe, mit dem sich die Frankfurter Golfer die 9-Loch-Anlage Dębowa Polana – auf Deutsch „Eichenlichtung“ – in der Oderniederung teilen. Der rasante Golfboom im deutsch-polnischen Grenzgebiet, auf den schon in den Nullerjahren die ursprünglichen dänischen Investoren allzu optimistisch spekuliert hatten, ehe sie sich – Golfplatz und Steuerschulden in beträchtlicher Höhe hinter sich lassend – in einer Nacht-und-Nebel-Aktion klammheimlich vom Acker machten, lässt weiter auf sich warten. Der flache, aber wegen etlicher Gräben und Wasserhindernisse insbesondere für Ortsfremde durchaus fordernde Kurs hinterm Oderdeich hat in Sachen überregionale Anziehungskraft noch Luft nach oben.

Dabei hat das Słubicer Sport- und Erholungszentrum unmittelbar neben den Fairways der Golfanlage eine Menge zu bieten. Auf dem Gelände gleich hinter dem von überwiegend deutschen Schnäppchenjägern tagtäglich gut besuchten, wuseligen „Basar­ Słubice“, landläufig auch „Polenmarkt“ genannt, gibt es unter anderem ein Beachvolleyballfeld, einen Schießplatz, eine Minigolf­anlage, ein Schwimmbad, eine Tennis- und Turnhalle sowie eine im Winter auch von Frankfurter Grenzgängern gern genutzte Eissporthalle. 

Über alledem aber erhebt sich ein unübersehbares, wenn auch – trotz seiner monumentalen Größe – westlich der Oder weitestgehend vergessenes Erbstück aus deutscher Vergangenheit: der Olimpik Park Słubice.

Zwar hat, vordergründig betrachtet, diese Sportstätte mit den olympischen Ringen ähnlich viel zu tun wie der unmittelbar benachbarte Golfplatz auf der Eichenlichtung mit der PGA Tour oder dem Ryder Cup. Doch hartnäckig halten sich Legenden, das Fußball-, Leichtathletik- und Schwimmstadion im einstigen Ostteil von Frankfurt/Oder sei 1936 von den Nazis als Ergänzungswettkampfstätte für die Olympischen Spiele in Berlin oder als Trainingscamp für die deutschen Olympioniken eingeplant worden. Damals war das multidisziplinäre Sportareal freilich unter einem ganz anderen Namen bekannt – als „Ostmarkstadion“. 

Die städtische Betreibergesellschaft der Sportstätten SOSiR freilich setzt konsequent auf die besondere Zugkraft des Namenszusatzes „Olimpik“ und benutzt ihn demonstrativ für das Stadion, das unmittelbar an die Laufbahn angrenzende Freibad „mit olympischem Schwimmbecken“ und auch fürs benachbarte, vor kurzem frisch aufgemöbelte Sporthotel aus jüngerer Zeit. Olympia auf Schritt und Tritt, auch wenn man sich dabei, his­torisch gesehen, um zwei volle Jahrzehnte vergaloppiert hat.

Manche Besucher halten die 2003 aufwendig renovierte, heute rund 7000 Sitzplätze umfassende Tribüne mit ihren trutzigen, aus massiven Bruchsteinen gemauerten Rundbogen-Kolonnaden und Arkaden-Gängen in der Tat für ein düsteres Relikt aus der NS-Zeit. Doch in Wahrheit ist die ziemlich aus der Zeit gefallene und für eine Kleinstadt wie Słubice fast schon monströs erscheinende Sportstätte noch um einiges älter. 

Verpasste Premiere

An ihr gebaut wurde schon ab 1914 und dann, nach einer kriegsbedingten mehrjährigen Unterbrechung, wieder in den 1920er-Jahren – nach einer Art Blaupause aus dem nur 80 Kilometer entfernten Berlin. Sportliches Vorbild war das 1913 von Kaiser Wilhelm II. eröffnete Deutsche Stadion in Berlin-Charlottenburg. Mit seinen rund 40.000 Zuschauerplätzen war diese Arena vorgesehen als zentrale Wettkampfstätte für die Olympischen Sommerspiele 1916, die der mittlerweile wütende Erste Weltkrieg verhinderte.

Berlin verpasste damals – 20 Jahre nach den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen – eine ganz besondere Premiere: „Spree-Athen“ wäre Gastgeber der ersten Spiele im Zeichen der fünf miteinander verbundenen Ringe gewesen; denn dieses offizielle Symbol der Olympischen Spiele hatte deren Erfinder, der Franzose Pierre de Coubertin, erst 1913 entworfen. Da das in Berlin geplante größte Sportfest der Welt kriegsbedingt ausfiel, wehte die weiße Flagge mit den die fünf Kontinente symbolisierenden Ringen dann erstmals 1920 in Antwerpen. 

Als Berlin mit zwei Jahrzehnten Verspätung endlich Olympia­stadt wurde, war das kaum zu internationalen sportlichen Ehren gekommene Deutsche Stadion nur noch eine verblasste Fußnote der Geschichte. Für die gigantische Propaganda-Show, als die die neuen braunen Herrscher die Olympischen Spiele von 1936 nutzen wollten, war das Stadion aus der Kaiserzeit im Stadtteil Charlottenburg ein bis zwei Nummern zu klein geraten. Es wurde Anfang der 1930er-Jahre geschleift und durch das riesige neue Olympiastadion ersetzt – und geriet in der Berliner Stadthistorie vollends in Vergessenheit.

Die kleine Kopie des Deutschen Stadions am Ostufer der Oder hingegen wurde in den 1920er- Jahren vollendet und überstand in der Folgezeit weitgehend unbeschadet alle Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts.

Freilich waren die Zuschauerränge des Frankfurter Stadions schon in den Anfangsjahren nur bei seltenen Anlässen gut gefüllt, etwa bei der mehrtägigen „Ostmarkschau für Gewerbe und Landwirtschaft“ 1924, die rund 100.000 Besucher anlockte, dem Brandenburgischen Kreisturnfest 1930 und beim Besuch eines weithin bekannten Gastredners weitere zwei Jahre später: 1932, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Beginn ihres unseligen „Tausendjährigen Reichs“, bellte ein gewisser Adolf Hitler bei einer NSDAP-Veranstaltung im Ostmarkstadion in gewohnter
Manier seine Hasstiraden ins Mikrofon – zynischerweise am Fuße der „Judenberge“, so genannt wegen eines nahegelegenen alten jüdischen Friedhofs in den sanften Hügeln oberhalb der Oder-Wiesen. 

Heute wirkt das Stadion-Oval aus der Kaiserzeit um etliche Nummern zu groß geraten für den örtlichen Leichtathletik-Verein LKS Lubusz und den Fußball-Regionalligisten Polonia Słubice, deren sportliche Aktivitäten sich in aller Regel vor einer sehr überschaubaren Zuschauerkulisse abspielen. Am besten besucht sind noch die alten „olympischen“ Schwimmbecken, die in den Sommermonaten den Słubicern als Freibad im doppelten Sinne dienen: Zumindest bis zum vorigen Sommer war das Schwimmen und Plantschen dort ohne Eintrittsgelder möglich.

Sich mit einem überaus bescheidenen Jahresetat von rund 30.000 Euro finanziell über Wasser zu halten war insbesondere für die Golfanlage unterhalb des historischen Stadions in den vergangenen Jahren stets eine besondere Herausforderung. Die städtische Betreibergesellschaft SOSiR war denn auch nicht unglücklich, als im vorigen Sommer Janusz Chmiel, der Eigentümer des benachbarten Olimpik Park Sporthotel, Interesse anmeldete, den Golfplatz künftig privat zu betreiben. 

„Package-Deals“

Unterstützt vom golfbegeisterten ehemaligen Landrat Leopold Owsiak, der die Anlage als Golfdirektor nach vorne bringen soll, will Chmiel in Zukunft auch Golftouristen nach Słubice locken. Bislang beschränkten sich die auf die gut zwei Dutzend Fernmitglieder des GC Frankfurt/Oder aus der Bundeshauptstadt, für deren sehr spezielle „Package-Deals“ Andreas von Bandemer durchaus Verständnis hat: „Die kommen als Tagesausflügler eine Runde golfen, aber dann tanken sie hier auch, kaufen Zigaretten, gehen shoppen im Basar, aber gerne auch zum Friseur oder in die Zahnklinik. Das alles ist hier auf der polnischen Seite deutlich billiger als in Deutschland.“ Janusz Chmiel und Leopold Owsiak haben vielversprechende Pläne: Sowohl das Clubhaus als auch der Golfplatz selbst sollen ein deutliches Upgrade erfahren. Und da neue Besen bekanntlich gut kehren, gelingt es vielleicht endlich, aus dem deutsch-polnischen Nebeneinander im Golfbetrieb ein Miteinander zu machen. Bislang kamen gemischte, binationale Flights auf der Eichenlichtung so gut wie nie zustande. Als nahezu unüberwindbar erweist sich immer wieder die Sprachbarriere: Nur wenige Frankfurter sprechen Polnisch, und vor allem ältere Polen im Oderland – sie oder ihre Eltern wurden nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend aus dem an die Sowjetunion verlorenen Ostpolen an die neue Westgrenze umgesiedelt – verstehen weder Deutsch noch Englisch. 

Dabei werde gerade auf dem Gebiet des Sports „die gute und immer besser werdende Zusammenarbeit von Frankfurt und Słubice“ besonders deutlich, findet Andreas von Bandemer: „Słubicer, die zum Beispiel im Sommer unter freiem Himmel Tennis spielen wollen, fahren rüber nach Frankfurt; bei schlechtem Wetter oder im Winter hingegen kommen die Frankfurter herüber in die Słubicer Tennishalle, hier neben dem Golfplatz. So vermeiden die beiden Städte unnötige und teure Doppelungen in der Infrastruktur.“

Monatelang zählte der sportliche deutsch-polnische Grenzverkehr zu den vielen Kollateralschäden der Corona-Krise. Jetzt stehen die Schlagbäume auf der Oderbrücke endlich wieder offen, auch für Golfer. Und der am 

polnischen Oder-Ufer schlummernde Olimpik Park mit Wurzeln in der deutschen Kaiserzeit hat schon ganz andere Krisen überstanden.


Bildnachweis: © Getty Images.

.