Kanne für Cam

Kanne für Cam

Der Australier Cam Smith krönt sich in St. Andrews zum Champion Golfer of the Year.

Es war eigentlich alles perfekt angerichtet für das ganz große Finale der 150. Open Championship in St. Andrews. Publikumsliebling Rory McIlroy hatte über drei Tage lang sensationelles Golf gespielt und ging zusammen mit Viktor Hovland als Führender in die Finalrunde. Die „Claret Jug“ war zum Greifen nahe. Es sollte ein epischer Sonntag werden – nur vielleicht nicht ganz so, wie es sich die meis­ten der Fans erhofft hatten. Die Protagonisten dieses Major-Krimis jedenfalls lieferten auch am Sonntag tolles Golf ab und schrieben im schottischen St. Andrews ihre eigene Geschichte.

Der Lehrjunge

Viktor Hovland gehört zum Bes­ten, was Europa in Sachen Spitzengolf zu bieten hat. In den USA ausgebildet, stand der norwegische Shootingstar zum ersten Mal vor der Chance auf den ganz großen Wurf. Und das, obwohl es bei Hovland in den letzten Monaten gerade in Sachen Golf eigentlich überhaupt nicht lief. Runden von 68 und zweimal 66 Schlägen aber bescherten dem jungen Mann aus Oslo ein direktes Duell um seinen ersten Majorsieg mit McIlroy in der finalen Paarung. Vier Schläge hatten die beiden auf die Konkurrenz herausgespielt, der Sieg der 150. Open Championship sollte ziemlich wahrscheinlich einem dieser beiden Spieler in die Hände fallen. Doch wie schon so viele Spieler zuvor in dieser Situation schien auch Hovland dem Druck nicht ganz gewachsen zu sein. Nach einer vergebenen Birdiechance zum Auftakt war die Leichtigkeit, mit der der Norweger die letzten Tage über den Platz gefegt war, verflogen. Statt Schlaggewinne einzufahren, kämpfte Viktor ein ums andere Mal ums Par und musste am Ende sogar drei Bogeys notieren. Diesen stand ein mageres Birdie gegenüber und man musste kein Wahrsager sein, um zu wissen, dass die abschließende 74er-Runde nicht reichen würde, um den ersten Majortitel klarzumachen. Doch Viktor Hovland wird bestimmt seine Lehren aus St. Andrews ziehen und beim nächsten Mal in „Contention“ seinen Majortitel holen.

Der tragische Held

„Ich habe heute nicht viel falsch gemacht. Aber ich habe heute auch irgendwie nicht viel richtig gemacht“, lautete das ernüchternde Fazit von Rory McIlroy nach seiner Schlussrunde von 70 Schlägen. Tag um Tag wurde der Nordire von der Rekordfankulisse angefeuert, wenn schon kein Schotte, dann sollte eben „Peter Pan“ Rory den Jubiläumstitel holen. Nach acht Jahren ohne Majorsieg sah es gut aus für „Rors“, bis zu dem Zeitpunkt, als sein Putter am Sonntag zu streiken begann. Man muss sich das einmal vorstellen: McIlroy traf alle 18 Grüns in Regulation und brachte nur magere zwei Birdies zustande. Der Rest waren knapp, aber zum Teil auch deutlich verpasste Chancen, die ein ums andere Mal mit einem Par endeten. „Es war so ein Tag, an dem ich eigentlich gutes und kontrolliertes Golf gespielt habe. Ich habe das gemacht, was ich machen wollte, nur leider meine Chancen an den einfachen Löchern wie 9, 12 und 14 nicht genutzt. Und am Ende muss ich ganz klar sagen, dass ich heute gegen einen besseren Spieler verloren habe. Wenn man auf diesem Platz nach vier Runden bei 20 unter Par liegt, dann ist das schon beeindruckend. Vor allem, wenn man sich das Turnier am Ende mit einer 64er-Runde holt“, zeigte sich Rory als fairer Sportsmann. Was dem Nordiren bleibt, ist die Gewissheit, rein spielerisch auf dem richtigen Weg zu sein. Zum ersten Mal in seiner Karriere beendete McIlroy alle vier Majors des Jahres in den Top 8, ein Umstand, der zeigt, dass der fünfte Majortitel nach einer langen Durststrecke in Reichweite liegt. Auch McIlroy weiß das und versuchte, sich in Geduld zu üben. „Bei dieser Open habe ich das Gefühl, sie aus den Händen gegeben zu haben. Doch ich bin mir sicher, es werden noch mehr Chancen kommen, die Open Championship zu gewinnen.“

Rory McIlroy muss weiter auf Majorsieg Nummer fünf warten.

 

Der Überflieger

Cameron Smith, das sollte man zuallererst erwähnen, ist der völlig verdiente Champion Golfer of the Year. Wer eine Finalrunde mit 64 Schlägen, acht Birdies (fünf davon in Folge) und keinem einzigen Schlagverlust aufs Parkett zaubert, geht am Ende halt auch mit der „Kanne“ nach Hause. Wer das Jahr über ein wenig Golf in den USA verfolgt hat, weiß, dass Cameron Smith das Golf seines Lebens spielt. Kein Wunder also, dass der Australier reif war für den ersten Majorsieg. Das es dann ausgerechnet im ehrwürdigen St. Andrews so weit war, passt perfekt ins Bild. Nein, Cameron Smith ist nicht der Typ Lieblingsschwiegersohn wie ein Scottie Scheffler, Cameron Smith ist ein Rebell. Doch der blonde Vokuhila, das Schnurbärtchen und die Surfermentalität täuschen allzu leicht über das wahre Gesicht des Australiers hinweg. Cameron Smith weiß nämlich ganz genau, worauf es ankommt, und er ist ein echter Kämpfer. Eigentlich hatte sich Smith nach seiner enttäuschenden Samstagsrunde mit 73 Schlägen schon aus dem Titelrennen verabschiedet. Kein Putt war ins Loch gefallen und der Rückstand auf McIlroy und Co eigentlich schon zu groß. „Ich habe am Abend eine Extraschicht auf dem Puttinggrün eingelegt. Ich wollte einfach nur wieder das Gefühl haben, wie es ist, wenn die Putts ins Loch fallen“, so Smith. Und genau dieses Gefühl war am Sonntag wieder da. Unwiderstehlich lochte der Australier aus sämtlichen Entfernungen. Sein nervenstarkes Par an Bahn 17 wird genauso in die Geschichtsbücher eingehen wie die Birdieserie von der 10 bis zur 14. Wer sich an die großen Zeiten von Jordan Spieth erinnern kann, in denen der Amerikaner einen Magneten im Loch platziert zu haben schien, dem wird die Vorstellung vom Smith bekannt vorgekommen sein. „Drive is for show, putting for dough“, heißt nach wie vor die Devise im Golf und genau das war bei Smith der Fall. Der bunte Australier hat in St. Andrews am Sonntag die Lichter ausgeputtet und ist verdienter Open Champion. Und die spannende Frage, wie viele Biere in den „Claret Jug“ passen, hat er auch schon beantwortet: genau zwei.

Der Unbeachtete

Zum Schluss gilt es für den anderen Cameron eine Lanze zu brechen. Cameron Young spielte mit Cameron Smith im selben Flight und beendete das Turnier mit einem sensationellen Eagle nebst einer 65 auf dem alleinigen zweiten Platz. Das Problem dabei? Während sich die Golfwelt auf die Fabelrunde von Smith und das Scheitern von McIlroy und Hovland konzentrierte, ging der 25-Jährige aus New York völlig unter. Noch nie wurde ein zweiter Platz bei einem Majorturnier so unter den Tisch gekehrt wie der von Cameron Young. Dabei spielte der Amerikaner dieses Jahr schon die ganze Zeit gutes Golf. Bei der PGA Championship fehlte ihm nur ein Schlag für ein Playoff, die 150. Open eröffnete er mit einer 64er-Runde und lag an Tag eins in Führung. Nur ein Dreiputt auf der 1 und ein Stechginsterbusch auf Bahn 9 verhinderten am Finaltag in St. Andrews einen Sensation, Cameron Young war ganz knapp dran an seinem ersten Majorsieg. 

Cameron Young flog völlig unter dem Radar und wurde am Ende Zweiter

Bildnachweis: © Sportcom/Getty Images.

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