Golf wird Rehasport!

Golf wird Rehasport!

Stefan Quirmbach, Präsident der PGA of Germany, über Golf als Rehasport.

Ab dem kommenden Jahr kann in Deutschland Golf offiziell als Reha­sport angeboten werden. Eine zwischen dem Bundesverband RehaSport Deutschland und den Trägern der Sozialversicherung ausgehandelte grundlegende Änderung der bislang sehr restriktiven Ausführungsbestimmungen für den Rehabilitationssport, die am 1. Jänner 2022 in Kraft tritt, macht es möglich (Golf Week berichtete). Ende Oktober findet in Prenden bei Berlin als Pilotprojekt ein erster Lehrgang „Rehabilitationssport für Golftrainer im Profil Orthopädie“ statt. 

Stefan Quirmbach, Präsident der PGA of Germany und einer der wohl bekanntesten Golflehrer in Deutschland, arbeitet in seiner Golfschule im niedersächsischen Golfresort Hardenberg seit vielen Jahren mit Orthopäden, Sportmedizinern und Rehakliniken zusammen. Und er kennt die Arbeit seines Prendener Kollegen Michael Lins, der dem Projekt „Rehasport Golf“ mit einer Langzeitstudie quasi den Weg geebnet hat. Im Interview mit Golf Week unterstreicht Stefan Quirmbach, welche Chancen die neue Entwicklung seiner Überzeugung nach für die Golfbranche bietet. 

Golf Week: Stefan Quirmbach, Sie befassen sich als Teaching Pro schon seit vielen Jahren mit den gesundheitlichen Aspekten des Golfsports. Was halten Sie grundsätzlich von dem Thema „Golfen als Rehasport“?

Stefan Quirmbach: Meiner Meinung nach gibt es keine bessere Sportart als Golf, die für den Rehasport geeignet ist. Das liegt vor allem daran, dass der Ball ruht und sich der Spieler in Ruhe und sehr individuell an den Ball stellen kann. Mit „sehr individuell“ ist gemeint, das es so gut wie keine körperliche oder geistige Einschränkung gibt, mit der man nicht golfen könnte. 

GW: Im kommenden Jahr ändern sich grundlegend die Richtlinien für den Rehasport. Erstmals darf Rehasport auch gänzlich im Freien durchgeführt werden. War das nicht längst überfällig?

SQ: Dass das bisher nicht möglich war, hat uns alle schon immer gewundert. Warum ein Sport nur dann „rehafähig“ sein konnte, wenn er in einer Halle durchgeführt wurde, entbehrt jeder Logik. 

GW: Sie arbeiten im Umfeld Ihrer Golfschule seit vielen Jahren mit Sportmedizinern, Physiotherapeuten, Orthopäden und Reha­zentren in einem sogenannten „Kompetenzteam gesundes Golfen“ zusammen. Wie funktioniert das in der Praxis und mit welchem Erfolg?

SQ: Das Kompetenzteam funktioniert in der Praxis hervor­ragend. Ein Golfer, der mit einem medizinischen Problem zu mir kommen möchte, schickt mir vorab einige medizinische Informationen, die ich dann mit dem Sportmediziner, in meinem Fall ist es Prof. Dr. Dr. Buhmann, bespreche. Er erklärt mir die medizinische Problematik und gibt mir für bestimmte Bewegungsmöglichkeiten „grünes Licht“. Wenn der Golfer nach dem Golftraining auch noch weitere Informationen haben möchte, so schicke ich ihn zu den mir bekannten Physiotherapeuten, mit denen ich aber vorher spreche. 

GW: Sie kennen die Langzeit­studie von Michael Lins in Prenden mit Rehapatienten. Wie beurteilen Sie seine Arbeit in ­Kooperation mit der Rehaklinik in Angermünde?

SQ: Michael Lins macht da einen super Job. Er spricht die wichtigen und richtigen Dinge an und bringt durch seinen wissenschaftlichen Ansatz Objektivität in das Thema. Das kann nur helfen! 

Er ebnete mit seiner Langzeitstudie den Weg für das Projekt „Golf als Rehasport“: Michael Lins, Sportwissenschaftler und Teaching Pro in Prenden bei Berlin.

 

GW: Dem Bundesverband Reha­Sport Deutschland e.V., mit dem Michael Lins zusammenarbeitet, geht es weniger um schon aktive Golfer. Hauptziel ist es vielmehr, bisher eher bewegungsarm lebende Menschen, die dadurch gesundheitliche Probleme bekommen haben, nachhaltig – also über die vom Arzt verschriebene Rehaphase hinaus – in Bewegung zu bringen. Ist für solche ­„Bewegungsmuffel“ der Weg zum Golfplatz der richtige – und besser als Gruppengymnastik in der Halle?

SQ: Ich halte das für eine super Chance für beide Seiten, also sowohl für den Patienten als auch für die Golfanlage. In vielen Fällen haben Menschen Vorurteile gegenüber dem Golfsport. In einer Reha­situation kann man sich unbelastet einfach dem Golf zuwenden und dann feststellen, ob das auch nach der eigentlichen Rehaphase eine Sportart ist, die man ausüben möchte. Und die Golfanlage bekommt potenzielle Kunden „zugespielt“, die sonst gar nicht gekommen wären. 

GW: Wenn ein Arzt einem ­Sport verschreiben sollte, dann will er vor allem, dass der Patient sich möglichst viel bewegt, Kraft und Ausdauer tankt. Es geht ihm nicht darum, dem Patienten beizubringen, einen Ball 200 Meter weit zu schlagen oder einen Slice zu vermeiden. Wie, glauben Sie, lassen sich der gesundheitliche und der sportliche Aspekt optimal miteinander in Einklang bringen?

SQ: Golf ist unglaublich anspruchsvoll in den von Ihnen genannten Bereichen. 127 ­Muskeln gilt es zu bewegen, man muss Balance und Rhythmusgefühl lernen und am Ende den Ball kraftvoll schlagen. Und sich einige Kilometer über den Golfplatz bewegen. Somit wird alles erfüllt, was die Ärzte fordern. 

GW: Wie muss sich, nach Ihrer Erfahrung, ein (Gruppen-)Unter­richtsprogramm für Rehapatien­ten von normalem (Gruppen-)Golfunterricht unterscheiden? Was muss der „Reha-Golflehrer“ on top lernen und vermitteln?

SQ: Entscheidend dabei ist ja, zu wissen, mit welchen unterschiedlichen medizinischen Problemen die Patienten kommen. Somit kann und wird eine Gruppe bereits sehr heterogen sein. Es gilt also, Trainingsformate zu schaffen, die viele ansprechen, und gleichzeitig dabei zu individualisieren. Das ist schon herausfordernd für den Golflehrer.

GW: Der Bundesverband Reha­Sport Deutschland glaubt bei dem Thema „Golf als Rehasport“ an ein großes Potenzial für die Golfbranche, und Michael Lins spricht sogar davon, dass in Zukunft „auf mindestens 80 Prozent aller Golfanlagen Rehasport angeboten werden“ sollte. Teilen Sie diesen Optimismus? Ist Golf als Rehasport auf der Mehrzahl der Golfanlagen in Deutschland machbar? Oder welche besonderen Voraussetzungen müssen erst geschaffen werden?

SQ: 80 Prozent halte ich für sehr viel. 40 bis 50 Prozent halte ich für realistischer – aber auch das wäre ein großer Erfolg. Es gilt, den Clubverantwortlichen klarzumachen, dass es sich dabei nicht um dauerhaft „kranke“ Menschen handelt, sondern dass es dort um Rehasport geht, der dem jeweiligen Club eine echte Chance bietet, mittelfristig neue Mitglieder zu werben. In vielen Clubs gibt es die entsprechenden Trainingsbereiche bereits, ich könnte mir dennoch denken, dass z. B. bei uns in Golfresort Hardenberg eine Möglichkeit für Indoortraining bei nicht so gutem Wetter ausgebaut werden müsste.  


Bildnachweis: © Quirmbach, © Wolfgang Weber (2).

Wolfgang Weber
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