Die Golfwelt in Aufruhr

Die Golfwelt in Aufruhr

LIV Golf will den Profigolfsport ordentlich aufmischen und fängt an, auszuteilen: Für die einen gibt’s Geld, für die anderen weitere Breitseiten.

Der Schlagabtausch hat begonnen! Das erste Turnier der neuen LIV Golf Invitational Series ging über die Bühne und bricht voraussichtlich einen monate- bis jahrelangen Rechtsstreit vom Zaun. Denn nur kurze Zeit nachdem die Golfer im Centurion Club nahe London ihre ersten Schläge machten, bezog die PGA Tour wie angekündigt Stellung und schlug mit der Sperre der 17 abtrünnigen Spieler zurück. Darunter die Major-Sieger Phil Mickelson, Martin Kaymer (beim Heimturnier in Hamburg spielte er nicht und diese Woche lässt er auch die U.S. Open wegen einer Handverletzung sausen), Louis Oosthuizen und Dustin Johnson, Lee Westwood oder die Ryder-Cup-Legenden Sergio Garcia und Ian Poulter. Letzterer hat bereits angekündigt, dagegen vorzugehen. Zwar haben viele Profis ihre Mitgliedschaft im Vorfeld bereits abgelegt, welche Bedeutung das hat, muss aber auch erst geklärt werden. Oder wird gar die LIV Tour zum Gegenschlag ausholen? Die erste Reaktion der neuen Liga: „Die Ankündigung der PGA Tour ist rachsüchtig und vertieft die Kluft zwischen der Tour und ihren Mitgliedern. Dies ist sicherlich nicht das letzte Wort.“ Die Positionen sind also bezogen. Auf der einen Seite stehen die zwei größten Profi-Touren angeführt von der PGA Tour, wobei sich die DP World Tour und CEO Keith Pelley bislang zu den jüngsten Entwicklungen in Schweigen hüllten (die Entscheidung der PGA Tour zwingt den „strategischen Partner“ in Europa allerdings bald zum Handeln). Auf der anderen Seite stehen die abtrünnigen Spieler und LIV Golf mit saudi-arabischen Geldgebern im Hintergrund. Die Moral, und mit ihr eigentlich fast alle internationalen Sympathieträger des Golfsports, sind allein aufgrund dieser Tatsache aufseiten der PGA Tour.

Geld stinkt nicht

Entgegengesetzt zur vorherrschenden Haltung bei der Konkurrenz. Charl Schwartzel, der Sieger der Premierenveranstaltung, gibt seinen Standpunkt nach dem Sieg preis: „Woher das Geld kommt, ist nicht etwas, das ich in meiner 20-jährigen Karriere jemals beim Spielen betrachtet habe.“ Zu diesem Zeitpunkt war er bereits unglaubliche 4,75 Millionen Dollar reicher und sicherte sich mit drei Runden Golf auf einen Schlag mehr Preisgeld als in den letzten vier Jahren auf der PGA Tour. Na bumm! Woher der Wind weht, ist also klar. Und Geld stinkt offenbar wirklich nicht. Menschenrechtsverletzungen und Auftragsmorden zum Trotz. 

Auch Phil Mickelson war nach monatelanger Abstinenz nach seinen kontrovers diskutierten Aussagen über die saudi-arabischen Geldgeber aus seinem Versteck gekrochen und ging, obwohl er erst auf den letzten Drücker im Teilnehmerfeld aufschien, wie erwartet an den Start. Natürlich fürstlich entlohnt mit einem reinen Antrittsgeld in Höhe von 200 Millionen Euro. Zwar ist die Zahl nicht bestätigt, aber bei einem vom saudi-arabischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) für die Sportswashing-Aktion zur Verfügung gestellten Volumen von zumindest drei Milliarden Dollar bis 2025 nicht gerade unrealistisch. 

Phil Mickelson freut sich mit Majed Al Sorour, dem CEO der Saudi Golf Federation.

 

 

Fix ist: Tiger Woods hat sich laut LIV-CEO Norman selbst von einer unglaublichen Summe im hohen neunstelligen Bereich nicht ködern lassen. Ebenso wenig wie die meisten Top-Spieler der Welt. Noch während das erste LIV-Event über die Bühne ging, wurde allerdings klar, dass auch Bryson DeChambeau und Patrick Reed ins Lager der LIV-Spieler wechseln werden. Vor nicht allzu langer Zeit stellte DeChambeau in einem Statement noch klar: Solange die besten Spieler auf der PGA Tour spielen, werde er dies auch tun. Es ist allerdings nicht anzunehmen, dass die Neueinsteiger bessere Antworten auf kritische Fragen wie von Journalist Neil McLeman geben können. Auf die Frage „Wenn Wladimir Putin ein Turnier veranstalten würde, würden Sie dort spielen?“ wollte sich etwa Ian Poulter „nicht zu Spekulationen äußern“. Und auf die Frage ob Lee Westwood „im Südafrika der Apartheid gespielt hätte“, gab es nur den kurzen Kommentar: „Ich kann eine hypothetische Frage nicht beantworten.“ Ob uns die Antwort überhaupt gefallen würde? Dass sich diese angesehenen Golfstars mit ihrem Achselzucken auch bei vielen Fans unbeliebt machen, nehmen sie offenbar ohne Weiteres in Kauf. Ob aus grober Fehleinschätzung oder schlechter Beratung. Ignoriert wird dabei: während sich die Auswirkungen der jüngsten Krise in den Geldbörsen der Menschen bemerkbar machen, sollen bereits gut bezahlte Sportler lächerlich hohe Summen aus dem öffentlichen Investitionsfonds Saudi-Arabiens kassieren. Das Bild, das sich daraus ergibt, ist fatal. Allerdings: Ist der Ruf erst ruiniert, golft es sich ganz ungeniert.

Der Auftritt von LIV-CEO Greg Norman wirkte enthusiastisch, war aber eher cringe.

 

Zukunft lässt warten

Das Auftaktevent selbst war auch keine Offenbarung. „The future of golf starts now“, lautete zwar die großspurige Ansage vor dem ersten Abschlag. Doch während Martin Kaymer auf dem Golfplatz das erste Birdie der Tour spielte, lief der Start im Hintergrund alles andere als glücklich. Ein Leaderboard auf der unsympathischen Homepage der LIV Golf Tour suchte man lange Zeit vergeblich und auch der Social-Media-Auftritt ist im Vergleich derzeit noch mehr als mager. Bei der Verkündung der Teamnamen und der Logos konnten wiederum einige nicht anders, als mit den Augen zu rollen, klingen die Namen doch eher wie die der Jugendteams auf Donald Trumps Golfplätzen.

Es gibt aber auch gute Ansätze der neu gegründeten Tour. Der Kanonenstart sorgt sofort für volle Action auf dem Platz und das reduzierte Feld ohne Cut über 54 Löcher (deswegen auch der Name der Tour: LIV für Römisch 54) lässt die Spieler auf Angriff spielen – immerhin haben sie nichts zu verlieren. Und das Team Format mit zwölf Teams zu je viel Spielern, wobei in den ersten beiden Runden zwei Scores in die Wertung kommen und am Finaltag drei – und keiner will am Ende der sein, der sein Team im Stich lässt –, ist eine nette Abwechslung. 

Insgesamt waren beim Auftakt aber nur 27 der 150 besten Golfer der Welt im Feld, zudem ehemalige Amateur-Champions, die sich als Profis bisher nicht in Szene setzen konnten, einige Spieler, die gerade erst ins Profilager wechselten, und Spieler wie Oliver Fisher, einmaliger Sieger (Czech Open 2011) auf der DP World Tour und mittlerweile auf Platz 1034 in der Weltrangliste abgerutscht. Sie alle spielten um einen Preispool von 20 Millionen Dollar, plus fünf Millionen in der Teamwertung. Und selbst der Letzte erhielt noch stolze 120.000 Dollar. 

Die LIV-Turniere sind in der Weltrangliste derzeit nicht berücksichtigt – was für eine Qualifikation für die Majors natürlich entscheidend wäre. Und die Auswirkungen auf Teamwettbewerbe wie den Ryder Cup oder den Presidents Cup sind aktuell dramatisch – man stelle sich vor, Sergio Garcia, der verdienteste europäische Ryder-Cup-Spieler aller Zeiten, wird nie als Kapitän in Amt und Würden walten. 

Für die diese Woche anstehenden U.S. Open hat das alles noch keine Auswirkungen, wie es um die Teilnahme an der bald darauf folgenden 150. Open Championship in St. Andrews steht, ist allerdings noch nicht klar. Man darf aber gespannt sein auf weitere Reaktionen der beiden etablierten Profi-Touren. 

Das nächste Event der LIV Golf Invitational Series findet übrigens in den USA statt. Von 1. bis 3. Juli im Pumpkin Ridge Golf Club in North Plains, Oregon. Bis dahin wird der erwartete Schlagabtausch jedenfalls weiter die Golfwelt aufhorchen lassen. 


Bildnachweis: © Sportcomm/Getty Images (3).

Michael Lendwich
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