Der Mann der Stunde

Der Mann der Stunde

Die Damen eröffnen, Tiger Woods feiert sein Comeback, Scottie Scheffler triumphiert, und ein Österreicher mischt auch noch mit. 

Mit voll besetzten Rängen und jeder Menge Highlights war das Masters in Augusta ein würdiger Start in die „Major-Saison“ 2022. Und noch bevor Titelverteidiger Hideki Matsuyama zu einem der wohl besten Champions-Dinner der Geschichte lud, hatten sich die Damen zur dritten Auflage des Augusta National Women’s Amateur getroffen. 

Ladies first

Dabei waren die ersten 36 Bahnen des 54-Loch-Turniers im nahe­gelegenen Champions Retreat Golf Club ausgetragen worden, ehe es zur Finalrunde auf den heiligen Rasen des Augusta National Golf Club ging. Dass sich auch bei den Damen zum Ende eines Turniers jede Menge Dramen abspielen können, zeigten die Ereignisse in diesem Jahr. Von den Fans nach vorne gepeitscht, spielte die Amerikanerin Anna Davis die wahrscheinlich beste Runde ihrer bisherigen Karriere. Mit Birdies auf 12 und 13 im Amen Corner legte sie den Grundstein für eine starke 69er-Schlussrunde und einen Gesamtscore von 1 unter Par, den es in der Folge zu schlagen galt. 

Chance vergeben

Mit der Schwedin Ingrid Lindblad und Latanna Stone (USA) waren allerdings noch zwei Spielerinnen unterwegs, die Davis den Titel hätten streitig machen können. Mit 68 Schlägen spielte Lindblad die beste Runde des Tages, schrammte aber mit einem ganz bitteren Bogey auf der 18 um einen Zähler an einem möglichen Stechen vorbei. Noch schlimmer erwischte es Stone, die nach einem Birdie an der 16 eine 2-Schläge-Führung innehatte und schon wie die Siegerin aussah. Ein Doublebogey auf der 17 nebst einem weiteren Schlagverlust auf der 18 aber machten auch ihre Träume vom Titel zunichte. Während Lindblad und Stone nach ihrer Runde erst einmal mit dem gerade Geschehenen zu kämpfen hatten, war Anna Davies auf Wolke sieben.

Hut ab

„Ich bin immer noch ein wenig unter Schock, und ich glaube, ich habe es noch gar nicht ganz realisiert, dass ich gewonnen habe“, freute sich hingegen Anna Davies über ihren gelungenen Coup. Und man darf gespannt sein, was die Amerikanerin in Zukunft noch so alles aus ihrem Hut (ihr Markenzeichen ist ein Bucket Hat) zaubern wird. 

Tigermania

Gespannt war man im Augusta National Golf Club auch auf eine mögliche Rückkehr eines gewissen Eldrick Tiger Woods. Spielt er nun mit oder nicht? Mit dieser Frage beschäftigten sich Internet und Sportanalysten in einem noch nie dagewesenen Umfang, der alle anderen Ereignisse im Bundesstaat Georgia oder vielleicht sogar in den USA oder vielleicht sogar auf der ganzen Golfwelt in den Schatten stellte. Vom Flugradar seines Privatjets über Einspielrunden mit mehr Zuschauern pro Loch als bei anderen Turnieren pro Woche bis zur frenetisch gefeierten finalen Zusage, spielen zu wollen, war Augusta fest in Tigers’ Hand. Als der absolute Superstar des Golfsports nach über 500 Tagen Verletzungspause im Alter von 46 Jahren dann auch noch eine 71er-Auftaktrunde aufs Parkett zauberte, kannten die Fans kein Halten mehr. 

Tapfer gekämpft

Doch schon am Donnerstag hatte man zum Ende der Runde hin gesehen, wie sehr Woods noch immer unter den Folgen seines Autounfalls zu leiden schien. Sein Gang auf dem hügeligen Layout des Augusta National Golf Club wirkte eckig, und in den folgen­den Tagen zollte Woods diesem ständigen Auf und Ab auch den schon zu erwartenden Tribut. Irgendwie brachte die ehemalige Nummer eins der Welt am Freitag eine 74 ins Clubhaus, um den Cut zu schaffen, ehe es am Wochenende mit zweimal 78 Schlägen dann deutlich bergab ging. Was allerdings vom Auftritt des Tigers bleibt, ist viel mehr als nur nackte Zahlen. Kaum jemand hätte nach dem Unfall und der Diagnose von Tigers’ Verletzungen auch nur einen Pfifferling auf ein Comeback zum Masters 2022 gewettet, und doch hatte Tiger Woods es möglich gemacht. 

Denkwürdiges Comeback

Stunden, Tage, ja Wochen und Monate knallhartes Rehatraining hatte Tiger absolviert, um am Ende vielleicht zum ersten Mal in seiner Karriere bei einem Turnier anzutreten, das er einfach nicht gewinnen konnte. Was er allerdings gewann, ist der Respekt der Fans, denen er mit seinem Auftritt in Augusta eine unvergessliche Woche bescherte. „Die vielen Textnachrichten und FaceTimes meiner Kollegen und Freunde während dieser ganzen Aufbauphase bedeuten mir sehr viel“, so ein sichtlich erschöpfter Tiger nach der Masters-Woche. Was die Zukunft für ihn bereithält, wird sich zeigen.

Tiger Woods gab in Augusta ein sensationelles Comeback.

 

Duell um den Sieg

Während dieser „Tigermania“ ging der Kampf ums grüne Jackett ja dann schon fast ein wenig unter. Dabei trafen am Sonntag im finalen Pairing mit Scottie Scheffler und Cameron Smith genau die beiden Spieler aufeinander, die die meisten wohl eh auf dem Zettel hatten. Auf der einen Seite Scheffler, die Nummer eins der Welt, der sich seit Wochen wie in einem golferischen Rausch befindet, auf der anderen mit dem aktuellen Players-Championship-Sieger ein würdiger Kontrahent.
Drei Schläge Vorsprung auf den Australier hatte Scheffler nach ebenso vielen Turniertagen her­ausgespielt, doch dieses Polster war schon vor dem Abschlag an Bahn 3 auf nur einen zusammengeschmolzen. Aussie Cam Smith legte mit zwei Birdies gleich mal richtig los und ging auch auf dem kurzen Par 4 mit dem Driver voll auf Angriff. Was dann folgte, kann man getrost als frühe Vorentscheidung des Masters 2022 betrachten. 

Unglaublich eigentlich

Smith verzog seinen Abschlag weit nach links in die Bäume, ehe es ihm Scottie Scheffler völlig überraschend nachmachte. ­Beide Spieler sahen sich nun einem pikanten Annäherungsschlag auf die kurz gesteckte Fahne des Grüns ausgesetzt, und beide sollten an dieser Aufgabe scheitern. Als die Bälle von Scheffler und Smith unter großem Raunen der Zuschauer den Hang hinunterrollten, wurde das Masters auf einmal richtig spannend. Denn der nächste Schlag aus der Senke auf die kurze Fahne schien eigentlich unlösbar. Doch dann folgte der Zauber-Glücks-Auftritt von Scottie Scheffler, der seinen Ball in den Hang pitchte und diesen wenig später mit viel Speed im Loch verschwinden sah. Ein Birdie, wie er ihn bei wahrscheinlich 100 weiteren Versuchen nicht noch einmal schaffen würde, war das viel umjubelte Resultat. Cam Smith war sichtlich geschockt und kassierte ein Bogey. Auch an der nächsten Bahn haderte der Australier noch sichtlich mit den jüngsten Ereignissen und notierte ein weiteres Bogey auf der Scorekarte. Scottie Scheffler hingegen spielte seelenruhig seinen Stiefel herunter und sah im Amen Corner mit an, wie Smith nach einem letzten Aufbäumen mit Birdie an der 11 seinen Ball sogleich an der 12 im Wasser versenkte. Mit dem daraus resultierenden Tripple­bogey war die Messe für Cam Smith gelesen und Scottie
Scheffler der Sieg nicht mehr zu nehmen. Zu groß war sein Vorsprung auf den Rest des Feldes, und so wurde es für den amerikanischen Shootingstar fast schon ein Sparziergang zum grünen ­Jackett. 

Dynamic Duo

Für die golferischen Highlights sorgte am Finaltag ganz klar die Paarung mit Rory McIlroy und Collin Morikawa. Als beide an der 18 aus dem Grünbunker zum Birdie lochten, brach der lauteste Jubel der Woche aus. Morikawa beendete das Masters mit einer 67er-Runde auf Rang fünf, während McIlroy mit der besten Augusta-Runde seiner Karriere (64) auf den alleinigen zweiten Platz nach vorne sprang. „Ich habe noch nie so viel Spaß auf dem Golfplatz gehabt wie heute“, so McIlroy, dessen Runner-up auch die beste Platzierung seiner Karriere im Augusta National Golf Club bedeutete.

Rory McIlroy und Collin Morikawa sorgten für den lautesten Jubel.

 

Rein in die Jacke

Nicht zu schlagen aber war in dieser Woche Scottie Scheffler, der sich an der 18 sogar einen 4-Putt leisten konnte, um mit zwei Schlägen Vorsprung auf McIlroy zu gewinnen. „Ich habe die ganze Woche über die Konzentration gehalten und einmal lockergelassen, und das war auf dem 18. Grün. Da sieht man mal, wie schnell das gehen kann“, so Scheffler, dessen größte Herausforderung, wie sich wenig später herausstellte, es war, in das grüne Jackett aus den Händen von Hideki Matsuyama zu schlüpfen. „Ich kann noch gar nicht in Worte fassen, was es bedeutet, dieses Turnier zu gewinnen“, so der Masters-Sieger 2022 anschließend überglücklich. 

Strakas Sahnesaison 

Einen richtig guten Auftritt bei seinem Masters-Debüt legte auch Sepp Straka hin. Ende Februar hatte der Österreicher als erster Spieler aus seinem Land mit der Honda Classic sensationell ein PGA-Tour-Turnier gewonnen und sich schon damals damit einen Platz in den Golfgeschichtsbüchern gesichert. Bei strömendem Regen schrammte Straka auf der finalen Bahn in Palm Beach Gardens nur hauchdünn an einem Eagle vorbei, konnte sich mit dem abschließenden Birdie aber knapp gegen den Iren Shane Lowry durchsetzen. „Ich habe noch gar nicht realisiert, was genau hier geschehen ist. Dass ich nun auch zum Masters eingeladen werde, das ist mir dann auch erst bei einer Interviewfrage in den Sinn gekommen“, so Straka Ende Februar. In Augusta belegte Straka, der ja in Georgia lebt und für die berühmten „Bulldogs“ an der University Golf gespielt hat, nach Runden von 74, 72, 76 und 71 Schlägen den geteilten 30. Platz.

Der Österreicher Sepp Straka mischt seit 2022 an der Weltspitze mit.

 


Bildnachweis: © Getty Images, © Getty Images , © Getty Images (2).

Letzte Artikel von Hubertus tho Rahde (Alle anzeigen)
.