Brennende Golfplätze?

Brennende Golfplätze?

Nicht zuletzt dieser Sommer zeigt, dass die Klimakatastrophe mit voller Wucht zuschlägt. In Zeiten der Dürre steht das Wasser im Fokus.  

Sport ist im Allgemeinen oft „schuld“ an gesellschaftlichen, politischen und auch klimamäßigen Schieflagen. Etwa: Müssen Fußballer durch ganz Europa fliegen, in Zeiten der Klimakrise? Dass Politiker das auch machen oder Konzerte, sei es Klassik, sei es Pop und Rock, auch nicht gerade klimaneutral sind, kommt seltenst zur Sprache. Golf im Speziellen muss quasi doppelt herhalten. Denn zum Thema Sport kommt noch das Elitedenken dazu, weil sowieso nur „G’stopfte“ (wienerisch für besonders reiche Menschen) Golf spielen. Nun kommen solche Vorurteile nicht ganz von ungefähr, und auf den ersten Blick stellt sich in Zeiten der Dürre die Frage: Wie nachhaltig ist es, wenn sich diese „G’stopften“ auch noch riesige Plätze mit fein geschnittenem, saftigem Grün leisten? Ist das noch gerechtfertigt? Klimaaktivisten in Frank­reich sagten im August ganz klar Nein. Sie haben in Südfrank­reich Löcher auf Golfplätzen mit Zement gefüllt, um gegen die Befreiung der Golfgrüns von Wasserverboten inmitten der schweren Dürre des Landes zu protestieren. Die Gruppe zielte auf Standorte in der Nähe der Stadt Toulouse und nannte Golf die „Freizeitindustrie der Privi­legiertesten“. Die Ausnahmeregelung für Golfplätze hat Kontroversen ausgelöst, da 100 französische Dörfer kein Trinkwasser haben. Aussagen von Gérard Rougier vom französischen Golfverband halfen wohl nicht, um die erhitzten Gemüter zu kühlen: „Ein Golfplatz ohne Grün ist wie ein Eislaufplatz ohne Eis.“ Während die Bewohner in den am stärksten betroffenen Gemeinden ihre Gärten nicht bewässern oder ihre Autos nicht waschen können, sind Golfplätze den landesweiten Beschränkungen entgangen, kritisieren die Aktivisten. Über das Wie kann man streiten, unrecht haben sie nicht. In zwei Dritteln Frankreichs wurde der Krisenzustand ausgerufen, wobei die Niederschlagsmenge um etwa 85 Prozent zurückgegangen ist.

 

Krise in Zahlen

Überhaupt sind die Zahlen ohnehin deutlich: Bereits Mitte Juli galt für die Hälfte der Fläche der Europäischen Union eine Dürrewarnung, für 15 Prozent galt Alarmstufe Rot. Anschließend verschlechterte sich die Situation weiter. In zahlreichen Regionen gab es neue Hitzerekorde. Zudem kam es in verschiedenen Ländern zu schweren Waldbränden, etwa in Portugal, Frankreich, Italien, Deutschland und Tschechien, besonders aber in Spanien. Bereits Mitte August waren in Europa 660.000 Hektar Fläche verbrannt (6.600 Quadratkilometer), die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen. Bis zum 20. August waren 722.000 Hektar (7.200) verbrannt. Übersetzt in die Golfsprache: Das entspricht der Fläche von 8.000 bis 9.000 Golfplätzen. Besonders litten darunter England, Frankreich oder Spanien, aber auch Deutschland und Österreich.

Die Realität sieht so aus wie etwa in Beverly in England während der Hitzewelle.

 

Hitzerekorde

Am 20. Juli maßen sechs deutsche Bundesländer noch nie dagewesene Temperaturen. In Hamburg wurden mit 40,1 Grad Celsius bei Neuwiedenthal ebenfalls erstmals mehr als 39,9 gemessen. Damit wurde der bisherige Hamburg-Rekord von 37,3 aus dem Jahr 1992 um fast 3 Grad überboten. Auch in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen zeigte das Thermometer erstmals 40,0 °C. Dieser Wert war zuvor in Deutschland noch nie so weit nördlich gemessen worden. Der 5. August war bis dato beispielsweise der bisher heißeste Tag des Jahres in Österreich, der Hotspot war in Seibersdorf (Bezirk Baden) mit 38,7 Grad. Der bisherige Höchstwert 2022 von 37,8 Grad wurde am 23. Juli ebenfalls in Seibersdorf registriert. Der Allzeithitzerekord wurde nicht eingestellt. Dieser wurde am 8. August 2013 gemessen. Damals hatte es in Bad Deutsch-Altenburg 40,5 Grad. Vermutlich wird dieser Rekord bald, früher als angenommen, fallen.

Vorgeschmack

Dass die Klimakatastrophe so kommt, schien klar. Überraschend ist für viele Wissenschaftler lediglich, dass sie schon 2022 eintritt und nicht erst in zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Das führe zu früheren Hitzewellen, erklärte etwa Clare Nullis von der Weltwetterorganisation (WMO) in Genf. „Was wir heute sehen, ist leider ein Vorgeschmack auf die Zukunft“, wenn der Treib­hausgasausstoß nicht zurückgehe, warnte die Expertin. Laut WMO hat sich die Zahl der Unwetterkatastrophen zwischen 1970 und 2019 verfünffacht. Selbst wenn nun im Herbst der Regen mehr wird und die Temperaturen moderater – die Themen Dürre und Wasser werden weiterhin im wahrsten Sinne des Wortes heiß bleiben.

Verständnis?

Somit wieder zurück zum Golf. Auf den Sport wollten viele auch während der großen Hitze nicht verzichten. So weit, so verständlich. Dass diese Wetterphänomene dem Aussehen von Golfplätzen nicht gerade zuträglich sind, sollte logisch sein. „Sorry, das hat mit Golfen nichts mehr zu tun“, postete etwa einer auf Facebook unter einem Bild von einer kargen Golfplatzlandschaft. „Der Platz sehr trocken und zum Teil verbrannt. 85 Euro Greenfee dafür finde ich unangebracht“, postete eine andere Person. Und es gibt nicht wenige derartige Kommentare. Dieses Unverständnis zeigt übrigens ganz schön, dass das eine oder andere Vorurteil wohl doch so falsch nicht sein kann. Doch was ist die Lösung?

Auch Golf betroffen

„Die inzwischen immer häufiger auftretenden und immer länger anhaltenden Trockenphasen fordern von vielen Menschen Einschränkungen in ihrem alltäglichen Leben. Davon sind auch viele Golfanlagenbetreiber, -clubs, -dienstleister und am Ende auch die Spieler betroffen“, stellt Sven Wenzel von der Sommerfeld AG, Deutschlands führendem Anbieter für Bau, Pflege, Bewässerung und Renovation von Golfplätzen, klar. „Die bes­ten Voraussetzungen bringen diejenigen Golfanlagen mit, die frühzeitig in eine entsprechende Beregnungsinfrastruktur investiert haben. Zum Beispiel in ausreichend große Wasserspeicher, gegebenenfalls alternative Wasserquellen. Sie können ihre Rasenflächen vor größeren Schäden schützen.“ Golfanlagen, bei denen dieses Thema noch nicht im Fokus steht, erkennen spätes­tens in diesem Jahr ihre Defizite. Kurzfristig kann dann meist nur noch mit viel Manpower und mobilen Lösungen wie zum Beispiel Regnerwagen der größtmögliche Schaden abgewendet werden. Aufgrund der territorialen Unterschiede bei der Wasserverfügbarkeit und der damit verbundenen kommunalen Maßnahmen gebe es keine generelle Blaupause für den Umgang mit Trockenphasen. Die örtlichen Gegebenheiten der Golfanlagen, vor allem die unterschiedlich beschaffenen und ausgestatteten Beregnungssysteme sowie die Art der Wasserversorgung definieren den Umgang mit der Trockenheit.

Nicht vergleichbar

Die geografhische Lage ist auch in Österreich ein Thema – und noch mehr. Darauf weist Andreas Leutgeb, Präsident des Österreichischen Greenkeeper-Verbandes, hin: „Man kann nicht pauschal sagen, dass alle Golfanlagen ein Problem mit der Wasserver­sorgung für die Bewässerung ­haben. 

Da Österreich sehr viele unterschiedliche Klimazonen und Höhenlagen aufweist, sind die Anforderungen an die Bewässerungsanlagen und damit einhergehend die Menge an benötigtem Wasser sehr unterschiedlich.“ Armin Haderer vom Nachhaltigkeitskomitee des ÖGV pflichtet ihm bei. Er ergänzt um eine Sache: „Es gibt riesige Unterschiede bei klimatischen Bedingungen. In Tirol ist das anders als im Marchfeld. Entscheidend ist auch, wann der Niederschlag kommt.“ Regnet es beispielsweise viel im Winter, aber wenig im Frühling, bringe das nicht viel. Diese klimatischen Unterschiede sind natürlich auch in der viel größeren Bundesrepublik Deutschland gegeben.

Konkrete Lösung

Mit langfristig angelegten und nachhaltigen Beregnungskonzepten ist es grundsätzlich möglich, effizient mit Wasser umzugehen. „Der Einsatz von fest eingebauten Feuchtesensoren ermöglicht zum Beispiel den Greenkeepern vor Ort ein Monitoring der Bodenfeuchte auf den zu bewässernden Flächen“, führt Wenzel aus. „Dadurch können die Beregnungsintervalle sowie die -intensitäten exakt auf den Bedarf hin kontinuierlich abgestimmt werden. Ein übermäßiger Wasserverbrauch wird verhindert.“ Beim ÖGV macht sich Haderer Gedanken darüber, wie ein Golfplatz überhaupt aussehen soll und kann. „Mein Ansatz ist: Man muss hinterfragen, ob alle Fairways grün sein müssen und diese durchgehend vom Abschlag bis zum Green bewässert werden müssen“, erklärt er. Bei Nebenflächen bestehe oft Einsparungspotenzial: „Zunächst gilt: Um das Wurzelwerk zu stärken, lieber zielgerichtet mehr Wasser nehmen, als einfach zu bestimmten Zeiten die gleiche Menge zu verteilen – weniger Einzelgaben, aber größere Einzelmengen sollen die Wurzeln anregen, in die Tiefe zu wachsen. Und es muss standortgerecht bzw. standortheimisch bepflanzt werden, nicht für das Aussehen. Auch das kann sich summieren.“ Also: Lieber einen Strauch statt einer aufwendig zu pflegenden Blume neben dem Clubhaus. Greenkeeper-Präsident­ Österreich Leutgeb geht noch einen Schritt weiter: „Um den Wasserverbrauch nachhaltig zu verringern, müssen ideale Bodenverhältnisse für die Rasengräser geschaffen werden. Dabei werden auch Naturstoffe wie beispielsweise Zeolithe in den Boden eingearbeitet. Sie können dann Wasser länger speichern. und bei Bedarf an die Wurzeln der Gräser abgeben.“ Modernes Gerät und die richtigen Pflanzen, dann kann man dem entgegenwirken. Wichtig zu erwähnen ist auch: Man bewässert nicht mit Trinkwasser, und die Pflanzen können schon ein paar Hitzetage überstehen – zudem machen die wichtigen Greens und Tees ja nur einen Bruchteil der Golfplatzfläche aus. Wenn die Regenwasserspeicher aber leer sind, muss man quasi bewässern, wie der ÖGV wissen lässt: „Ganz abdrehen ist schlecht, denn das Problem wäre dann, dass zumindest Greens und Abschläge saniert werden müssen.“ Eine allfällige Neuerrichtung von Greens und Tees wäre ein finanzielles Desaster.“

Wasserbeschränkung

Was passiert, wenn die öffentliche Hand im Zuge einer Hitzeperiode eingreift? So geschehen in Frankreich oder manchen Orten in den USA. In Deutschland, so die Sommerfeld AG, sehe es so aus: „Von den Behörden werden regelmäßig Einsparempfehlungen ausgesprochen. Insbesondere wasserarmen Regionen wird zudem über eine Allgemeinverfügung die Beregnung eingeschränkt oder gar komplett untersagt. Auch der Wasserbezug kann limitiert werden.“ Und in Österreich laut Greenkeeper-Verband: „Prinzipiell regelt das in Österreich sehr strenge Wasserrecht die zur Bewässerung ­einer Golfanlage verfügbare Wassermenge. Grundlage dafür ist ein Bewässerungskonzept, welches alle verfügbaren Wasserquellen auf und um den Golfplatz einschließt.“ Hochwertiges Trinkwasser wäre für eine Bewässerung viel zu teuer und kann gar nicht in dem benötigten Ausmaß mit den normalen Wasserleitungen geliefert werden. Apropos USA: Dort konnte beispielsweise seit 2005 der Wasserbedarf der Golfanlagen um 30 Prozent gesenkt werden. Und sonst sind Fairways eben braun, wie Haderer weiß: „Natürlich muss man sich einschränken, und Mitglieder wollen einen schönen Platz. Aber auch in England bei den British Open sind die Fairways braun.“ Leutgeb ergänzt: „Leider orientieren sich noch immer viele Golfer an den großen Turnieren wie z. B. in Dubai, wo selbst in der Wüste alles wunderbar aussieht. Nur muss man dazu wissen, dass dort mit viel Geld und ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit agiert wird.“

Sattes Grün in der arabischen Wüste: teuer und eigentlich unnötig.

 

In der Mitte Angekommen

Der nachhaltige Gedanke ist längst in der Mitte unserer ­Gesellschaft angekommen. Im Golfbereich haben im Grunde alle namhaften Organisationen wie der Dachverband der natio­nalen Greenkeeper-Verbände in Europa­ (FEGGA), der Greenkeeper Verband Deutschland e.V. (GVD), The Royal and Ancient Golf Club of St Andrews (R&A) oder auch der Deutsche Golf Verband e.V. (DGV) verschiedene Ansätze entwickelt, um den Nachhaltigkeitsgedanken in Form von konkreten Umweltprogrammen und Standards zu transportieren. Der Umgang mit Wasser ist somit stets im Fokus. Denn nur so können Golfanlagen attraktiv gehalten und auch die nachhaltige Finanzierung sichergestellt werden. Wichtig, so Leutgeb, sei, dass man weiß, was man tut: „Die Greenkeeper sind sehr gut ausgebildete Fachleute. Wir können mit extremen Wettersituationen bestens umgehen. Egal, ob ein tagelanger Landregen die Plätze unter Wasser setzt oder wochenlange Hitzewellen die Wasserressourcen aufbrauchen.“ Sven Wenzel weist abschließend noch auf eine wichtige Angelegenheit hin: „Der langfristige Erhalt von Golfanlagen ist inzwischen auch für den Naturschutz von großer Bedeutung. Es gibt vermutlich neben Golfanlagen kaum privatwirtschaftliche Flächen, auf denen ein so großer Anteil für den Erhalt der Biodiversität zur Verfügung steht.“


Bildnachweis: © Sportcom/Getty Images, © Facebook.

Georg Sander
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