Abschlagen mit ärztlicher Verordnung

Abschlagen mit ärztlicher Verordnung

2022 wird Golf in Deutschland offizieller Rehabilitationssport.

Der Golfplatz Prenden, eine formidable 27-Loch-Anlage, liegt nördlich von Berlin im Landkreis Barnim, am Rande des Biosphärenreservats Schorfheide. Vor der Wende war das riesige Waldgebiet, vor allem im Herbst, bevorzugtes Jagdrevier der DDR-Granden, und Erich Honecker, Erich Mielcke & Co. schleppten über die Jahre so manches Hirschgeweih als stolze Trophäe heim in ihre gut bewachte Bonzen-Siedlung im nahen Wandlitz am überaus idyllischen gleichnamigen See.

Die bis zu zwei Dutzend Golflehrer aus ganz Deutschland, die Ende Oktober/Anfang November an einem erstmals angebotenen Lehrgang in Prenden teilnehmen können, werden zwar keine Jagdtrophäe aus der Schorfheide nach Hause bringen. Dafür aber ein Zertifikat, das ihnen selbst und ihren jeweiligen Golfanlagen langfristigen, nachhaltigen Ertrag und neue Kunden bescheren wird. Und das sie qualifiziert, als Erste Nutzen zu ziehen aus den am 1. Januar 2022 in Kraft tretenden neuen Bestimmungen für den Rehabilitationssport, die – vereinfacht ausgedrückt – etwas ermöglichen, was es bislang noch nie gab: Golfen auf Verordnung vom Arzt.

Wollen Golf als Rehasport etablieren: Golfpro und Sportwissenschaftler Michael Lins (links) und Thomas Roth, Vorstandschef des Bundesverbands RehaSport Deutschland.

 

Rechtsanspruch

Rund 1,6 Millionen Deutsche nehmen jedes Jahr an einer Rehasportmaßnahme teil. In der alternden Gesellschaft wächst dieses Segment jährlich um rund fünf Prozent, und die langfristigen Folgen der Corona-Pandemie (Long-Covid-Erkrankungen) werden die Bedeutung und das Aufgabenfeld für den Rehabilitationssport voraussichtlich nochmals deutlich vergrößern. Seit 2001 haben Patienten – insbesondere solche mit schweren orthopädischen oder Herzproblemen – einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Rehabilitationssport; das heißt, vom Arzt verschriebener Rehasport wird grundsätzlich von den gesetzlichen Kassen bezahlt.

Bei den privaten Krankenversicherungen gehöre der Rehasport zwar oft nicht zu den Vertragsbestandteilen, „aber auch die zahlen in der Regel, wenn eine ärztliche Verordnung und ein Kostenvoranschlag vorgelegt wird“, ist die Erfahrung von Thomas Roth. Der Berliner Mediziner ist Vorstandsvorsitzender des 2005 gegründeten Bundesverbands RehaSport Deutschland e.V., der in den vergangenen beiden Jahren an den Ausführungsbestimmungen für den Rehabilitationssport mit den Trägern der Sozialversicherung, insbesondere den gesetzlichen Krankenkassen, mitgewirkt hat. 

Fast immer Gymnastik

Bislang münden gut 95 Prozent aller Rehasport-Verordnungen in einem Gymnastikraum. Neben „Bewegungsspielen in Gruppen“ hat der Reha-Patient zwar theoretisch auch Optionen wie Schwimmen, Leichtathletik, Bogenschießen oder Kegeln zur Auswahl; doch in der Praxis findet all dies so gut wie nicht statt. „Das ist vor allem ein Ressourcenproblem“, sagt Thomas Roth aus Erfahrung. „Das klassische Schwimmen wäre zwar gut, aber es ist zu teuer, für eine Gruppe von Reha-Patienten jedesmal eine Schwimmhalle anzumieten. Deshalb hat sich Schwimmen als Rehasport nicht wirklich etablieren können.“

Ein Hauptproblem der bisher geltenden Ausführungsbestimmungen: Rehasport durfte nur „indoor“ stattfinden. Roth: „Nur gelegentlich durfte man auch mal raus gehen.“ Das ändert sich nun grundlegend. Thomas Roth: „Ab 2022 gibt es erstmals die Möglichkeit, daß Reha-Sport auch ausschließlich im Freien stattfindet“. Zudem werde in der neuen „Rahmenvereinbarung über den Rehabilitationssport und das Funktionstraining“ der Fokus verstärkt gerichtet auf den Bereich Ausdauer/Kraftausdauer.

Ziel: Sport, der Spaß macht

„Rehasport ist kein Selbstzweck und keine abgeschlossene Therapie“, unterstreicht Thomas Roth. „Was der Gesetzgeber an dieser Stelle vorgesehen hat, ist, daß die Reha-Patienten innerhalb der üblicherweise verschriebenen 50 Einheiten motiviert werden, danach aus eigenem Antrieb – und auf eigene Kosten – weiter Sport zu treiben.“

Genau dies werde aber nicht erreicht, „wenn ich während des Reha-Sports in meiner Gruppe Hockergymnastik mache und danach sage: ‚war ja nett, aber ich zahle doch nicht 30 Euro im Monat, um auf Dauer etwas zu machen, was total uncool ist und mir keinen Spaß macht.“

„Sinn und Zweck des Rehasports ist es letztlich, Menschen zu bewegen und zum dauerhaften Sporttreiben zur Stärkung ihrer Gesundheit zu motivieren. Im Idealfall findet man eine Sportart, die den Menschen Spaß macht – möglichst für den Rest ihres Lebens“, unterstreicht Thomas Roth, der exakt an dieser Stelle dem Golfsport große Erfolgschancen einräumt: „Die Krankenkassen bezahlen im Prinzip nur eine Art Basis-Kombinations-Training zur Stärkung der motorischen Grundeigenschaften Kraft, Ausdauer, Flexibilität und Koordination. Wenn aber der Patient während des Rehasports, den die Krankenkasse bezahlt, eine Sportart kennenlernt, die er mag und weiter ausüben will, so daß eine win-win-Situation und ein langfristiger Benefit – in diesem Fall für den Golflehrer und die Golfanlage – entsteht, ist das völlig okay – und auch im Interesse des Gesetzgebers und der Kassen. Dann haben alle gewonnen!“

Diplom-Golflehrer Michael Lins macht vor, wie sich „Reha-Golfer“ tunlichst auf dem Golfplatz bewegen sollten: zu Fuß und mit geschultertem Tragebag.

 

Langzeitstudie in Brandenburg

Ein Gewinner im doppelten Sinne ist schon jetzt Michael Lins. Der Prendener Head-Pro, Diplom-Golflehrer und Sportwissenschaftler, befaßt sich schon seit etlichen Jahren – in Kooperation mit der Gesellschaft für Leben und Gesundheit (GLG) – mit kardiologischem Rehabilitationssport. Die GLG, größter Gesundheitsdienstleister im nordöstlichen Brandenburg, betreibt eine Reha-Fachklinik insbesondere für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen am Wolletzsee bei Angermünde.

Rehabilitanten, die nach Herzinfarkten oder Schlaganfällen in die Klinik eingewiesen wurden, hatten im Rahmen einer vor sieben Jahren gestarteten Studie die Wahl, einige Wochen lang in Gruppen als Ausdauersport Nordic Walking zu betreiben oder in Prenden bei Michael Lins Rehasport auf der Golfanlage kennenzulernen. Zweimal pro Woche kam eine Reha-Gruppe zum Training auf dem Golfplatz. Die dabei gewonnenen Erfahrungen flossen ein in eine Langzeitstudie mit dem etwas sperrigen Titel „Attraktiver Rehabili-tationssport zur Nachhaltigkeitssteigerung der Genesung nach Herzkreislaufkrankheiten – Nordic Walking versus Golfsport“, die demnächst als Dissertation von Michael Lins beim Lehrstuhl für Rehabilitation an der Universität Potsdam eingereicht wird.

Mehrheit bleibt aktiv

Kern der Studie war, so Michael Lins: „Wir wollten wissen, wie groß die Nachhaltigkeit bei Golf versus Nordic Walking ist. Die Patienten werden nach einem Jahr nachgefragt; und da sind wir auf Augenhöhe: Über die Hälfte der Teilnehmer ist nach einem Jahr noch aktiv und dem Golfsport respektive dem Nordic Walking treu geblieben.“ Etliche Kursus-Teilnehmer wurden zwischenzeitlich ordentliche Mitglieder beim Golfplatz Prenden oder einer anderen Golfanlage in Berlin/Brandenburg.

„Willkommener Beifang“ dieser weltweit einmaligen Studie, so Michael Lins, war das Ergebnis einer zweiten wissenschaftlichen Frage. Bei beiden Gruppen wurden nach der Reha kardiopulmonale Parameter – also das Herz und die Lunge betreffende Leistungsdaten – gemessen und verglichen. Der PGA Golfpro: „Auch da waren beide Gruppen gleichauf. Das war das eigentlich überraschende und aus Golfersicht positive Ergebnis, das demnächst auch veröffentlicht wird.“ Insgesamt 108 Reha-Patienten nahmen an der Pilotstudie auf dem Golfplatz teil – wobei sich solch ein Reha-Kurs naturgemäß durchaus von einer normalen Golf-Trainerstunde unterscheidet. Michael Lins: „Das ist eine sensible Gruppe, die sowohl der Golflehrer als auch der begleitende Physiotherapeut viel genauer in Bezug auf die vorliegenden Erkrankungen beobachten muß. Ein Patient darf bei den Übungen eben nicht in den ‚Roten Bereich‘ kommen. Da muß man Warnsignale frühzeitig erkennen.“ 

Mehr Lehrgänge im nächsten Jahr

Genau darum geht es unter anderem bei dem als Pilotprojekt angebotenen Lehrgang „Rehabilitationssport für Golftrainer im Profil Orthopädie“ im Oktober/November in Prenden. „Für dieses Pilotprojekt, das die Etablierung des Reha-Sports im Golf zum Ziel hat, haben wir unser bestes Lehrteam engagiert“, betont Thomas Roth. 2022 sollen dann – in Kooperation mit dem schon Reha-erfahrenen Sportwissenschaftler Michael Lins – regional verteilt in Deutschland mehrere derartige Lehrgänge angeboten werden: „Im kommenden Jahr 50 bis 100 Golflehrer für Golf als Rehasport zu gewinnen und auszubilden, wäre ein schönes Ziel.“

Michael Lins hat schon eine sehr ehrgeizige längerfristige Zielmarke im Visier: „Grundsätzlich sollte In Zukunft auf mindestens 80 Prozent aller Golfanlagen Rehasport angeboten werden“. Denn dies werde gesamtgesellschaftlich zu einem immer größeren Thema – zumal in einer Sportart, in der gut die Hälfte der Ausübenden zur Altersklasse 65-plus gehöre. Lins: „Der junge Golfer bleibt dem Club in der Regel nicht lange erhalten, das ergeben die modernen Lebensumstände; die Älteren bleiben dem Club meist länger treu. Insofern ist es im wohlverstandenen Eigeninteresse unserer Branche, ältere Leute wieder fit zu machen und fit zu erhalten und an unseren schönen Sport heranzuführen. Ich denke, der Rehasport wird einen sehr positiven Einfluß auf die Golfbranche haben.“

Golfbranche kann Profitieren

Aus eigener Erfahrung sieht dies Martha Lusawa, die Geschäftsführerin des Golfplatzes Prenden, genauso: „Jede Möglichkeit, neue Mitglieder zu generieren, ist ein Vorteil für die Golfanlage. Der Rehasport wird in den nächsten Jahren eh zunehmen – umso besser, wenn die Golfbranche davon profitieren kann.“ Zudem, so hat Lusawa bei den von Michael Lins betreuten Reha-Gruppen beobachtet, „senkt das vom Arzt verschriebene Golftraining in der Gruppe bei Leuten, die noch nie auf einem Golfplatz waren, die Eintrittsbarriere und die Berührungsängste.“ Etliche fühlten sich schon nach kurzer Zeit so wohl auf dem Golfplatz in Prenden, daß sie Mitglieder geworden sind und jetzt ehrgeizig an der Verbesserung ihrer Handicaps arbeiten.

„Das kommt aber erst nach der Reha“, unterstreicht Michael Lins, „zunächst geht es in erster Linie darum, ‚wie bewege ich mich gesundheitsfördernd auf dem Golfplatz?‘, erst in zweiter Linie um den richtigen Schwung.“ Und um den Unterschied zwischen normalem Golftraining und Rehasport zu verdeutlichen, ergänzt der PGA Golfpro lachend: „Der normale Golfschüler kommt zu mir und klagt: ‚ich habe einen Slice’. Der Rehasportler klagt ‚ich hab’s im Rücken’. Im Idealfall sind nach der Reha die Rückenschmerzen weg – und nebenbei der Slice ebenfalls.“ 

Wer – Wie – Was? Beim Pilotprojekt “Ausbildung zum Übungsleiter für Rehasport”

Wie läuft das Pilotprojekt ab?

In zwei Teilen. 

Teil 1: Theoretische Ausbildung als Webinar vom 18.-26.10.

Teil 2: Prakt. Ausbildung im GC Prenden bei Berlin vom 29.10.-1.11.

Der Lehrgang schließt mit einer schriftlichen Prüfung und 

einer Lehrprobe ab. Teilnehmergebühr: 700 €

Anmeldung formlos an: akademie@rehasport-deutschland.de

Wer darf teilnehmen?

Bis zu 24 Golflehrer mit (mindestens) Übungsleiter C Lizenz des DOSB e.V.

Dürfen nur Sportvereine Rehasport anbieten?

Nein, diese Begrenzung auf gemeinnützige Vereine ist 

Vergangenheit. Die Rechtsform der Golfanlage – ob Verein, 

GmbH, GmbH & Co.KG, OHG etc. – spielt bei der Anerkennung

als Anbieter von Rehabilitationssport durch den RSD 

(RehaSport Deutschland e.V.) keine Rolle.

Wie wird meine Golfanlage anerkannter Rehasport-Anbieter?

Durch eine Mitgliedschaft beim RehaSport Deutschland e.V. / 

Bundesverband Rehabilitationssport, Eiswerderstr. 20,  13585 Berlin

Webportal: www.Rehasport-Deutschland.de

Mail: service@rehasport-deutschland.de, Tel.: 030 – 233 2099 66


Bildnachweis: Getty Images, © Wolfgang Weber , © Wolfgang Weber.

Wolfgang Weber
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