HCP GOES GLOBAL

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Bereits Anfang 2018 lancierten R&A und USGA die ersten Presseaussendungen zum neuen World-Handicap-System, seitdem blieb es allerdings sehr ruhig rund um dieses Thema. Nun rückt die geplante Einführung 2020 immer näher, und noch immer halten sich die meisten natio­nalen Verbände diesbezüglich bedeckt. Die Golf Week informiert in den kommenden Wochen und Monaten über die Details der geplanten Neuregelung.

The Golfworld comes together as one

Ein weltweit standardisiertes und einfach verständliches Handicap, das von den nationalen Golfverbänden lokal adminis­triert wird. Klingt einfach, ist es aber keineswegs. Sechs große Weltverbände, 80 nationale Golfverbände und zigtausende Golfer sind bereits seit Jahren in die Vorbereitungen involviert. Mit an Bord ist natürlich die EGA (European Golf Association) und damit der DGV und ÖGV. Die Vorteile eines solchen Handicaps liegen auf der Hand: Golfer sollen sich weltweit sowohl während Turnieren als auch im freien Spiel auf Basis eines fair und gleich gemessenen Handicaps vergleichen können. Dazu muss nach komplett einheitlichen Standards verfahren und mittels eines modernen, vielfach anwendbaren und leicht verständlichen Systems verwaltet werden. Dass dazu mehr als nur einige wenige Algorithmen notwendig sind, scheint nahe­liegend. Und doch ist es gelungen, solch ein System zu ent­wickeln.

Eine Vision wird Realität

Auf drei Hauptziele konzentriert sich das neue System. Ähnlich wie bereits bei den neuen Golfregeln sollen generell möglichst viele Menschen ermutigt werden, regelmäßig und mit Freude und möglichst wenig Aufwand Golf zu spielen. Im Falle des World-Handicap-Systems (WHS) soll der Zugang zu einem Handicap erleichtert werden und dessen Führung transparent und nachvollziehbar sein. Darüber hinaus sollen Golfspieler mit unterschiedlichen Spielfertigkeiten, Geschlechtern und Nationalitäten ermöglicht werden, ihr Handicap weltweit auf jeden Platz mitzunehmen und mit diesem fair und gerecht mit anderen zu konkurrieren. Und die Schlagzahl, die ein Spieler oder eine Spielerin auf irgendeinem Platz dieser Welt unter normalen Bedingungen spielen kann, soll mit höchster Genauigkeit ermittelt werden. Dazu stellen die Geschäfts­führer von USGA und R&A klar: „Wir möchten den Sport zugänglicher und unterhaltsamer machen. In dieser Hinsicht stellt das neue World-Handicap-System eine große Chance dar. Wir möchten die Komplexität und Vielfalt aus dem Weg räumen und den Sport modernisieren.“

Das Miteinander

Bereits lange vor dem Verkünden der Einführung wurden über 50.000 Golfer und Verbände befragt, davon haben 76% ihre Unterstützung für ein solches System bekundet, 22% waren bereit, den Nutzen zu prüfen, und nur 2% sprachen sich dagegen aus. In Fokusgruppen gaben mehr als 300 Verantwortliche aus dem Golfbereich aus verschiedensten Regionen der Welt ein umfangreiches Feedback zu den Eigenschaften des vorgeschlagenen neuen Systems. Mit Unterstützung der sechs aktuellen Handicapsysteme – Golf Australia, The Council of National Golf Unions (CONGU) Great Britain and Ireland, The European Golf Association (EGA), The South African Golf Association (SAGA), The Argentine Golf Association (AAG) und The United States Golf Asso­ciation (USGA) sowie unter Hinzuziehung der Japan Golf Associa­tion und Golf Canada – gelang es, so das künftig bestehende System detailliert zu konzipieren und zu entwickeln. Aber noch ist es nicht so weit. Die Einführung obliegt den nationalen Verbänden und dürfte von Land zu Land variieren. ÖGV und DGV zum Beispiel unterstützen die Initiative grundsätzlich, sehen aber noch viel Arbeit auf alle Beteiligten zukommen. In diesem Jahr gilt es vorderhand, die überarbeiteten Golfregeln umzusetzen. Danach müssen die ordentliche Planbarkeit und ein geordneter Einführungsprozess gewährleistet sein. „Nur nicht hudeln“ ist dafür ganz sicher die geeignete Herangehensweise. So müssen vorab alleine die Course- und Slope-Ratings aller Golfclubs weltweit an das aktuelle Ratingsystem der USGA, das als künftige Basis dient, angepasst werden. Darüber hinaus gilt es, Systeme zu testen und zu überarbeiten, das Handling zu validieren, Ressourcen und Materialien bereitzustellen und die weltweite Kommunikation und Schulung zu gewährleisten.

Das System

Das künftige individuelle und aktuelle Handicap setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Zur Berechnung werden die 8 besten der letzten 20 Golfrunden (ohne zeitliche Begrenzung) herangezogen, eine Mindestanzahl an Löchern muss in Turnieren gespielt werden (dies obliegt den nationalen Verbänden), um erstmals zu einem Handicap zu kommen. Weiterhin kommt das Stableford-System zur Anwendung, das höchste Handicap bleibt einheitlich bei 54.

Natürlich wird es auch weiterhin die Möglichkeit geben, 9-Loch-Turniere und verschiedene Formate mit seinem Handicap zu spielen. Der sogenannte Handicap-Index wird auch weiterhin die Spielstärke eines Spielers oder einer Spielerin darstellen und während einer Turnierrunde in ein Course-Handicap und ein Playing-Handicap umgerechnet werden. Beim Course-Handicap werden je nach gespieltem Tee, wie bis dato auch, das Course- und Slope-Rating zum Tragen kommen. Es ist die Grundlage für die individuellen Stableford-Punkte pro Loch, deren Bewertung nach Netto-Score ebenfalls gleich bleibt (z.B. 0 Punkte für ein Netto-Doppelbogey). Das Playing-Handicap wird aus dem Handicap-Index und etwaigen Adaptionen (z.B. prozentuelle Reduzierung bei Teambewerben) zusammengesetzt. Dieses Playing-Handicap ist final ergebnisrelevant in Turnieren. Gespielte Ergebnisse werden eingetragen, eventuell durch Playing-Conditions adaptiert und innerhalb kurzer Zeit online einsehbar sein. Zusätzlich werden extreme „Ausreißer“-Scores in beide Richtungen in der Handicap-Darstellung berücksichtigt werden, um das effektiv gespiel­te Handicap möglichst akkurat darzustellen.

Klingt alles noch nach Bahnhof?  Keine Sorge, im Endeffekt ist es nicht kompliziert, kaum anders als heute, und darüber hinaus stellen wir in den kommenden Ausgaben die Handicap-Details auch noch detaillierter und leicht verständlich vor.

Die Auswirkungen

Das neue Handicap-System erlaubt voraussichtlich ein sehr entspanntes Spiel während der Runde – alleine dadurch, dass die Handicap-Veränderung durch das Heranziehen der letzten acht aus 20 Runden nicht so einfach im Kopf auszurechnen ist, wie das in unseren Breiten bis dato der Fall war. Also ist man höchstwahrscheinlich auch gleich gar nicht auf die Langzeitfolgen der aktuellen Runde konzentriert. Das neue Handicap ist, bis dato je nach Quelle, zwischen „in Echtzeit“ und „am nächsten, maximal übernächsten Tag“ einsehbar. Mal sehen. Ein solches „Averaging-System“ bringt außerdem den Vorteil, dass auf komplizierte Vorgabenklassen, Herabsetzungsmultiplikanden, Pufferzonen usw. verzichtet werden kann.

Die grundsätzliche Kalkulation des Systems bevorzugt generell die besseren Runden, alleine dadurch, dass es regelmäßig die zwölf schlechteren aus 20 Ergebnissen „vergisst“. Zusätzlich kommt der Faktor „abnorme Kurs- und Wetterkonditionen“ bei der Berechnung des Ergebnisses einer Runde zum Tragen. Wie sehr sich dieser neue Eingriff auswirkt, wird man ebenfalls nach Einführung beobachten müssen. Ratsam ist es eventuell, während der nächsten Monate möglichst oft zu spielen, um zu gewährleisten, dass möglichst viele gute Runden in das neue Handicap-System übertragen werden. Wie diese Übertragung genau funktionieren wird, erläutern wir in einem der kommenden Artikel zum Thema. Was jedenfalls mit Übernahme des neuen Systems gewährleistet sein wird, ist die gemeinsame Freude am globalen Spiel ohne Wertungsunterschiede. Sosehr das Spiel bis dato schon verbindet, wird die weltweite Nivellierung der Ausgangsbasis ein weiterer wichtiger Schritt für die Entwicklung des Golfsports sein.

Man darf gespannt bleiben

Vieles wurde bereits umgesetzt. Die USGA & R&A hielten in vielen Ländern und Erdteilen Konferenzen und Ausbildungsworkshops für Beteiligte ab, eine weltweite Bibliothek mit Informations- und Ausbildungsmaterialien wird erstellt, die Regeln wurden finalisiert, die technischen Spezifikationen und die Testläufe wurden wieder und wieder adaptiert, viele Golfkurse wurden und werden bereits in Abstimmung mit dem neuen Course-Rating-System neu bewertet, und die generelle Zusammenarbeit mit den nationalen Verbänden wurde intensiviert. Während laut der WHS- Webseite einige Länder bereits zu Beginn 2020 das neue System anbieten wollen, entscheiden sich offenbar auch viele für ein späteres Startdatum, darunter Deutschland und Österreich. Die Herausforderung ist in sehr vielen Details keinesfalls gering zu schätzen und benötigt präzise Vorbereitungen. Zwar ist seit der Bekanntgabe des generellen Plans auf internationaler Ebene viel passiert, dennoch müssen für die sorgsame Umsetzung auf Länderebene nochmals ganz andere Einzelheiten und Eigenheiten beachtet werden. Auch über all diese Details wird die Golf Week weiter informieren.

In den kommenden Golf Week-Ausgaben:

Weitere Fragen

Wie funktioniert das WHS genau?

Was sind die Unterschiede zum europäischen bzw. amerikanischem System?

Wie gehen unsere nationalen Verbände damit um, und welche Freiheiten haben sie?

Womit muss ich persönlich beim Start des neuen Systems rechnen, was passiert mit meinem Handicap?

u.v.m


Bildnachweis: Getty Images.

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